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1918 | Schreiende Pferde

Briefe nach Hause sind im Frontinferno der letzte Halt. Doch es gibt keine Heimkehr: Land und Menschen sind nicht mehr, die sie mal waren „Ja, dieses Jahr werde auch ich zurückkommen in mein unversehrtes Liebesheim zu Dir und zu meiner Arbeit“, schreibt der Maler Franz Marc seiner Frau am 4. März 1916 aus einem Unterstand bei Verdun. „Zwischen den grenzlosen schaudervollen Bildern der Zerstörung, mit denen ich jetzt lebe, hat dieser Heimkehrgedanke einen Glorienschein, der gar nicht lieblich genug zu beschreiben ist. In meinen ungemalten Bildern steckt mein ganzer Lebenswille.“ Stunden später soll der gebrochen sein. Franz Marc ist gefallen. Die angekündigten Bilder wird niemand sehen. Tröstlich zu wissen, dass der Genius nicht sterben kann und in Marcs gemalten Bildern lebt, besonders den Gleichnissen von Tierschicksalen, mit denen der Maler vor dem Krieg eigener Todesahnung nicht entkommen will. Vor Verdun hat sein sich aufbäumendes blaues Pferd längst der schreienden Hyäne des Unheils weichen müssen, der Kriegsfurie, die auf den Schlachtfeldern grast und es sich gut gehen lässt. „Meine Lieben, der 16. September ist ein schwarzer Tag. Vor vier Jahren habe ich Euch und die Heimat verlassen müssen und bin seitdem in der weiten Welt. Muss einsam und verlassen von meinen Lieben leben. Keiner hatte damals geglaubt, dassder verfluchte elende Krieg so lange dauern würde, und keiner weiß heute, wie lange der Schwindel noch gehen soll“, schreibt der Schütze Karl Falkenhain am 16. September 1918 an seine Frau Minna im anhaltinischen Naundorf. Die antwortet Tage darauf: „Gestern hatte ich oft Schluckauf, und ich sagte, heute ist was mit unserem lieben Vater … Nun bin ich ordentlich neugierig, bis ich von Dir erfahre, was los ist. Musst Du nach Frankreich? Da brauchen sie nämlich jetzt ganz viele Leute. Alle Tage kommen Nachrichten, dass wieder so viele gefallen sind.“ Als Karl Falkenhain diese Zeilen Ende September 1918 in seiner Stellung bei Riga in Lettland erreichen, durchbrechen an der Westfront alliierte Truppen an mehreren Stellen die „unüberwindbare“ Siegfried-Linie, den letzten Verteidigungswall des deutschen Westheeres vor der Reichsgrenze. Erich Ludendorff, Generalquartiermeister der Obersten Heeresleitung (OHL), nennt das eine „,mörderische Nachricht“ und denkt nicht an Kapitulation. In Frankreich bringen es die Deutschen nur noch auf 204 Divisionen mit einem Bestand von zweieinhalb Millionen Soldaten, die Feldstärke der Bataillone sinkt von 766 Mann im April 1918 auf 570 im September. Den zermürbten Verbänden stehen außer Franzosen und Briten allein zwei Millionen Amerikaner gegenüber, die mit ihren monströsen und modernen Tanks durch die deutschen Stellungen fahren wie das Messer durch die Butter. Karl Falkenhain schreibt nach Hause: „Gott mag helfen, dass es jetzt zum Frieden kommt und wir bald zurückkehren können, damit man noch mal als Mensch leben kann. Jetzt lebt man wie ein wildes Tier, das in der Nacht keine Ruhe hat.“ Die Angst lässt träumen, zusammengeschossen und -gestochen zu werden, nur mehr einen Körper mit Armstümpfen zu haben, am Morgen noch mal davongekommen zu sein und aufzuwachen mit heilen Gliedern. Zu Befehl, Majestät, zu Befehl. Über Naundorf stehen im Herbst 1918 nicht die Gestirne des jüngsten Tages, und Oktobernebel schluckt die apokalyptischen Reiter in den Lüften, nur vertreiben lassen sie sich nicht. Minna Falkenhain glaubt fest daran, dass sie auch im nächsten Jahr die Ernte allein einfahren, allein dreschen, allein verkaufen muss. „Mein viel geliebter Mann, die Blätter schreiben, dass der Krieg noch drei Jahre dauern soll. Es sind noch genug Menschen da. Verhungern tun sie nicht, also muss der Krieg noch so lange gehen, wie noch was zu verlieren geht.“ Draußen vor ihrem Gehöft steigt der wehe Ruf kahler Bäume zu krächzenden Himmeln hinauf. In diesen Wochen des Krieges, von denen niemand weiß, ob es die letzten sein werden, grassieren Entbehrung, Typhus und die spanische Grippe. „Die Menschen sind einfach zu hungrig und quälen einen so wie die Zigeuner … die Leute stört nicht mal mehr das Betteln“, berichtet Minna Falkenhain nach Riga im Osten. Müde, wurzellos, ruiniert Die Moral der Truppe im Westen nehme täglich ab. Die Soldaten würden sich in Horden ergeben, sobald der Gegner angreift. „Ich sehe keine Möglichkeit, länger als bis zum Dezember durchzuhalten. Wir müssen den Frieden erlangen, bevor der Gegner in Deutschland einfällt“, schreibt Kronprinz Rupprecht von Bayern an Max von Baden, seit 3. Oktober 1918 neuer Reichskanzler in Berlin und von der Hoffnung beseelt, die Entente werde ihn als Verhandlungspartner anerkennen. Der Prinz gilt als liberaler Aristokrat, hat nie ein Feldkommando geführt und 1917 den von der Admiralität erklärten „uneingeschränkten U-Boot-Krieg“ verworfen. Max von Baden bietet einen Waffenstillstand an, der Deutschland „seine Ehre bewahren sollte“, doch wollen Amerikaner, Engländer und Franzosen nur mit sich reden lassen, wenn im Gegenzug die deutsche Monarchie abgeschafft wird. Für Ludendorff ist das unannehmbar, also schwenkt er wieder auf Krieg um und reißt noch einmal Zehntausenden die Tore zur Ewigkeit auf. Im Oktober 1918 fallen an der Westfront auf beiden Seiten 30.000 bis 40.000 Soldaten pro Woche, können die Lazarette die Verwundeten, Verstümmelten und Sterbenden nicht mehr aufnehmen. Manche Fälle sind so schlimm, dass man sie in Kisten bringt, die zum Sarg werden. Am 26. Oktober endlich setzt Max von Baden durch, dass Wilhelm II. Ludendorff wegen Befehlsverweigerung entlässt. Der Kanzler ahnt wohl, dass die Friedensbedingungen der Alliierten umso kompromissloser ausfallen, je später sie angenommen werden. Deshalb treibt er die Abdankung des Kaisers entschlossen voran, erleidet aber am 1. November einen Nervenzusammenbruch, als ihn Kaiserin Auguste Viktoria wissen lässt, sie werde seine Homosexualität öffentlich machen, sollte er sich an der Krone vergreifen. Die Intrige hält auf, aber kann nicht mehr abwenden, was fällig ist. Am 9. November verkündet der Prinz (quasi als letzte Amtshandlung, bevor der Sozialdemokrat Friedrich Ebert übernimmt) Wilhelms Thronverzicht, der dem nicht zustimmt, doch kommt es darauf nicht mehr an. Am 11. November ab 11.00 Uhr schweigen die Waffen. Franc Marc hat in seinen Briefen von der Front die seelische Erschütterung geschildert, die seine Generation durch das Schockerlebnis Krieg erfahren habe. „Man kann nicht mehr auf alte Glaubensformen und Gewohnheiten zurückgreifen Wir sind andere geworden.“ Als die Männer am 11. November 1918 aus den Schützengräben steigen und sie die Stille betäubt, werden Heimwege zu Leidenswegen. Müde und ausgebrannt kehren sie zurück. Wie schnell es ging, dass der Mensch der Zivilisation entrissen und in Barbarentum gestürzt war. Und wie sehr sieht man es den Überlebenden an. „Bestimmt bist Du ziemlich entkräftet, aber wenn Du hier bist, pflegen wir Dich. Wir freuen uns sehr“, hat Minna Falkenhain schon im März 1918 ihrem Mann geschrieben, als sie annimmt, mit dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk sei der Krieg im Osten vorbei. Sie glaubte, nach den Händen ihres Mannes zu greifen, und wieder riss sie eine unsichtbare Gewalt auseinander.
Info
Die Falkenhain-Post ist dem Buch entnommen: Zieh’ dich warm an (Verlag Neues Leben, 1989)

Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.

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