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Chemnitz | Sichtbare Allianzen

Die Allianz aus AfD-Anhängern, Rechtsextremen und Hooligans legt den Blick auf eine soziale Bewegung von rechts frei, die nicht nur auf Sachsen beschränkt ist „Bringt Chemnitz die Wende 2.0?“, fragt die rechte Internetseite PI News nach den Ausschreitungen in der drittgrößten Stadt Sachsens. In diesem Bundesland sei noch der Widerstandsgeist der deutschen Bevölkerung vorhanden. In anderen Landesteilen aber habe „der Zeitgeist und die linksgrüne Ideologie das Immunsystem des Volkes zersetzt und sie zu wehrlosen Opfern von einzelnen Fremden aus gewaltaffinen Kulturkreisen“ gemacht. Gegen dieses Szenario richten sich Losungen wie „Unsere Stadt – Unsere Regeln“, mit der beispielsweise die extrem rechte Hooligantruppe „Kaotic Chemnitz“ mobilisierte. Das gesamte Netzwerk der Demonstrationsaufrufer aber war weitaus größer und reichte von der AfD bis hin zur Hoolszene. Viel wurde seitdem wieder über die sächsischen Verhältnisse geschrieben – über die dort anzutreffenden Nazi-Hochburgen, das Behördenversagen der „Pegizei“ und die damit einhergehende staatsoffizielle Verhätschelung der „besorgten Bürger“. Die konkreten Umstände des Gewaltverbrechens, gegen das sich die Chemnitzer Kundgebungen angeblich richten sollten, spielen medial und politisch kaum noch eine Rolle. Der Hinweis auf „Messermigranten“ als mutmaßliche Täter ersetzt die gerichtsfeste Überprüfung des Tathergangs. Und gerade in den sozialen Netzwerken tummeln sich jene, die sich als Staatsanwälte und Richter in Personalunion wähnen und die ihr gesundes Rechtsempfinden nun öffentlich demonstrieren wollen. Das Leitmotiv für diese Geisteshaltung formulierte dabei bezeichnenderweise kein Hooligan, sondern ein Bundestagsabgeordneter der AfD. „Wenn der Staat die Bürger nicht mehr schützen kann, gehen die Menschen auf die Straße und schützen sich selbst. Heute ist es Bürgerpflicht, die todbringende „Messermigration“ zu stoppen!“, twitterte Markus Frohnmaier, der einstige Pressesprecher von Frauke Petry. Dass Frohnmaier seine Äußerungen später relativierte, gehört zum medialen Spiel der AfD. Wichtiger ist, dass die in Chemnitz sichtbare Allianz aus AfD-Anhängern und Hooligans den Blick auf eine soziale Bewegung von rechts freilegt, die nicht nur auf Sachsen beschränkt ist. Zuletzt war das rheinland-pfälzische Kandel der wichtigste Mobilisierungsort der rechten Protestbewegung. Erstmals massenwirksam aber wurde die Verbindung aus Wutbürgern und Hooligans nicht in Sachsen, sondern in Köln. Es war die mediale Resonanz auf die erste Kundgebung der „Hooligans gegen Salafisten“ (HogeSa) am 26. Oktober 2014, die auch die „Abendspaziergänge“ der Pegida anwachsen ließ. Rund eine Woche zuvor, am 20. Oktober 2014, brachte Pegida zunächst rund 350 Teilnehmer auf die Straße – eine Zahl, die sich nach dem Echo auf den ersten HogeSa-Aufmarsch rasch vervielfachen sollte. Hooligans stellten nicht nur in Dresden die Ordnerteams, sondern prägten auch den Leipziger Ableger Legida oder etwa die späteren „Merkel-muss-weg“-Demonstrationen. Zwar blieb Hogesa nur ein kurzlebiges Aktionsbündnis. Der Auftritt in Köln aber hatte eine bundesweite Wirkung selbst bis in die Reihen der AfD, die sich ab Ende 2014 zunehmend als „islamkritische“ Kraft inszenierte. Die rechten Szenen vermischen sich immer mehr Wer verstehen will, warum Hooligans die aktuellen Proteste mitprägen, sollte neben den rechtsoffenen Szenestrukturen auch deren Selbstbild analysieren. Fred Kowasch hat in seinem Dokumentarfilm „Inside HogeSa – Von der Straße ins Parlament“ die Aktivisten der Szene ausführlich zu Wort kommen lassen. Am Ende des Films ruft ein Mitgründer der HogeSa zur Wahl der AfD auf. Danach ist Alexander Gauland am Wahlabend mit dem Motto „Wir werden sie jagen“ zu hören. In diesem Licht erscheint die AfD nicht nur als Pegida-, sondern auch als HogeSa-Partei. Mit jedem Satz demontieren die Protagonisten des Films dabei den Mythos vom unpolitischen Hooligan, der nur säuft und sich ausschließlich nach den Prügeleien in der „dritten Halbzeit“, nach militanter Männlichkeit sehnt. Zwar ist nicht jeder Hooligan ein Neonazi. Doch schon in der Entstehungsphase des Hooliganismus im England der Siebziger Jahren wurde diese Subkultur von den Kadern der British National Party umworben. Auch in Deutschland gab und gibt es derartige Verbindungen bis heute – bei „Kaotic Chemnitz“ etwa bis ins Lager der Nationalen Sozialisten Chemnitz. Die rechten Szenen vermischen sich immer mehr. Auf dem Festival „Schwert und Schild“ im sächsischen Ostritz spielte die Hooligan-Combo Kategorie C, die lange den Wahlspruch „Fußball ist Fußball und Politik bleibt Politik“ ausgegeben hatte, zusammen mit Nazirock-Bands. Für jüngere und asketisch-disziplinierte Hooligans wurde ein Kampfsportwettbewerb der Mixed-Martial-Arts angeboten. Auf dem Festivalgelände waren auch eher derangiert wirkende ältere Teilnehmer zu sehen. Einer trug ein T-Shirt mit der vielsagenden Aufschrift „Warum ich so braun bin? Weil es mir hier zu bunt wird!“. Hauptorganisator war Thorsten Heise vom Bundesvorstand der NPD, ein zentraler Veranstaltungstag fiel auf den 20. April. Hooligans sehen sich als die Avantgarde des Volkszorns. Und dieser Zorn richtet sich wahlweise gegen die „politisch korrekte“ Zensur durch die „Lügenpresse“, die Verweichlichung des deutschen Mannes oder die Selbstabschaffung der Nation. Trotz der martialischen Selbstinszenierung kann die Szene längst über ihren eigenen Radius hinauswirken. Ihre Positionen werden nun im Bundestag legitimiert. Was Alice Weidel heute im Parlament über „Messermänner“ sagt, gehörte 2014 nur zum Jargon der HogeSa. Damals wehrte sich der Bundesvorstand der AfD unter Bernd Lucke noch gegen offene Sympathiebekundungen. Heute agiert die „Pegida-Partei“ AfD wie der parlamentarische Arm der sozialen Bewegung von rechts. Und diese Bewegung wähnt sich heute, wie auch die zeitdokumentarischen O-Töne in „Inside Hogesa“ zeigen, als Vorbote eines Systemsturzes. Hooligans sehen sich dabei weniger als Wut-, sondern vielmehr als Wehrbürger. Als deutsche Kämpfer, denen es im „Land der Verschiedenen“ – wie Joachim Gauck im Jahre 2015 die Bundesrepublik nannte – zu bunt wird. Hooligans betrachten sich nicht als Außenseiter, sondern als wahre Widerständler gegen die Herrschaft des Unrechts. Sie wollen, um den einschlägigen Jargon zu zitieren, „unseren Frauen“ den nötigen „Schutz vor den Schutzsuchenden“ bieten. Und dieser Jargon findet sich inzwischen im Bundestag wie in den Boulevardmedien. Die AfD – die sich in Chemnitz offiziell von der extremen Rechten distanziert – vermag vor diesem Hintergrund weitaus erfolgreicher um die Straße und die Parlamente zu kämpfen, als es die NPD selbst in ihrer Hochburg Sachsen vermocht hat. Am ersten Septemberwochenende will sich die AfD denn auch an die Spitze der angekündigten Proteste setzen. Im Ekel vereint Bei allen habituellen und taktischen Unterschieden: Die Milieus der populistischen und extremen Rechten eint der Ekel vor dem „System Merkel“, das als DDR 2.0. geschmäht wird. Mit Blick auf Chemnitz fragt PI News, „ob die Proteste zu einer Dauereinrichtung wie die Montagsdemonstrationen werden, die 1989 zum Sturz der DDR-Regierung geführt haben“. Für andere Beobachter scheint diese Frage schon entschieden. Michael Klonovsky, der persönliche Referent von Alexander Gauland, postete in seinem Internettagebuch ein Foto der Proteste und kommentierte: „In Chemnitz beginnt die nächste friedliche Demonstration“.
Der Politikwissenschaftler Richard Gebhardt hat 2017 den Sammelband Fäuste, Fahnen, Fankulturen. Die Rückkehr der Hooligans auf der Straße und im Stadion (PapyRossa Verlag Köln) herausgegeben. Für den Film Inside Hogesa – Von der Straße ins Parlament begleitete er den Regisseur Fred Kowasch zu Dreharbeiten in Deutschland und England

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