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„Combat Obscura“- Diesen Dokumentarfilm möchte das Pentagon einkassieren

von Timo Kirez
Schon der Name des Dokumentarfilms ist Programm: Die Camera obscura (aus dem lateinischen, camera „Kammer“ und obscura „dunkel“), an die sich der Titel „Combat Obscura“ des Films anlehnt, ist ein dunkler Raum mit einem Loch in der Wand, und war vermutlich der erste „Fotoapparat“ der Geschichte. Bereits Aristoteles (384 v. Chr. – 322 v. Chr.) kannte das Prinzip der sogenannten „Lochkamera“. Im 4. Jahrhundert v. Chr. erwähnt er in seiner Schrift „Problemata physica“ ein auf dem Kopf stehendes Bild. Die ersten Versuche mit einer Lochkamera zu arbeiten, gehen, und das wird Thilo Sarrazin gar nicht gefallen, auf den arabischen Mathematiker, Optiker und Astronom Alhazen (965 – 1040) zurück. Alhazen kannte den optischen Effekt der Lochkamera und entwickelte eine recht modern anmutende Theorie der Lichtbrechung.

Später wurde die „Camera obscura“ durch Philosophen wie René Descartes (1596 – 1650) und John Locke (1632 – 1704) zu einer Art Metapher für die menschliche Wahrnehmung und die Erkenntnistheorie, im Philosophendeutsch auch „Epistemologie“ genannt. Später, im 20. Jahrhundert, wird der französische Philosoph Roland Barthes über die Fotografie schreiben, dass das Dargestellte nicht simuliert werde, sondern wirklich sei. Anders als zum Beispiel die Malerei, gebe sich die Photographie nicht als vermittelndes Medium zu erkennen, sie erfinde nichts, sondern erscheine als das „Wirkliche in seinem unerschöpflichen Ausdruck“.
Vermutlich hat das Pentagon in Washington D.C. weder John Locke noch Rolande Barthes im Sinn gehabt, als es sich entschied, gegen den Dokumentarfilm des ehemaligen US-Marine Jacob Miles Lagoze vorzugehen. Aber so viel „Wirklichkeit in seinem unerschöpflichen Ausdruck“ war den Kriegsherren in Washington offenbar dann doch nicht geheuer. Denn der Filmemacher Lagoze hatte ursprünglich einen ganz anderen Auftrag: Er sollte Werbefilme für die US-Army drehen. Dazu begleitete er US-Einheiten bei ihren Einsätzen in Afghanistan. Unter anderem in der südlichen, an Pakistan grenzenden, Region Helmand.

© www.comabtobscura.com/media

Ein Screenshot aus dem Dokumentarfilm.

Zwar erledigte Lagoze seinen eigentlichen „Job“, die Werbevideos, wie verlangt, doch wer schon einmal selbst Filme gedreht hat, weiß: Es gibt immer mehr Material, als man verwenden kann. Lagoze entschied sich, aus diesem „Restmaterial“ einen einstündigen Film zusammenzuschneiden. Gegenüber dem US-Veteranen-Portal Task & Purpose sagte der Ex-Marine:

Als ich zurückkam, wusste ich nicht, was ich damit machen sollte. Ich hatte das Material auf meinem Computer.

Das Ganze sein ein „seltsames Tagebuch, mit einer Menge abgefuckter Scheiße“. Wertungen wollte Lagoze nicht vornehmen. Ihm gehe es nicht darum, ob „diese Typen da draußen als Helden oder Opfer“ dargestellt werden. Er könne auch nicht beurteilen, ob dieser Krieg irgendwann etwas Gutes bewirken werde. In Afghanistan sei nichts einfach schwarz oder weiß.

Es war lustig, es war schrecklich. Die enorme Absurdität der ganzen Erfahrung übertrifft jede Story.

Sein Film lief seit März 2018 auf verschiedenen Dokumentar-Filmfestivals. Unter anderem auch auf so renommierten wie dem „True/False“ Filmfestival in Columbia, Missouri. Auch in Europa wurde der Film im Rahmen des „FIDMarseille – Marseille International Film Festival“ im Juni 2018 gezeigt. Einen Filmverleih und einen Starttermin fürs Kino gibt es allerdings noch nicht. Dass sich das Pentagon dennoch so viel Zeit ließ, um zu intervenieren, überrascht. Die Begründung des US-Verteidigungsministerium lautet: Lagoze habe auf der Sold-Liste gestanden, also gehörten die Bilder, die er mit der Ausrüstung des US-Korps aufgenommen habe, dem Staat. Doch der Regisseur gibt den Kampf mit dem Pentagon noch nicht verloren. Er wisse zwar, dass es die Offiziellen vorziehen würden, wenn der Film nicht weiter gezeigt würde. Aber der Film sei kein „antimilitaristischer Film“, sondern eine ehrliche Darstellung des Einsatzes in einer abgelegenen Patrouillen-Basis, so der Ex-Soldat.
Der Film zeigt in der Tat eine ungeschönte, rohe Sicht auf den Krieg in Afghanistan. In diesem Sinne ganz das Gegenteil eines Werbeclips. Man sieht unter anderem die Leiche eines erschossenen Afghanen, den die US-Marines für einen Aufklärer der Taliban hielten. Am Ende stellt sich heraus, dass es sich um einen Ladenbesitzer aus der Gegend handelt. „Du siehst aus, als wärst du gerade gefickt worden“, so der lapidare Kommentar eines US-Soldaten in der Aufnahme.

© www.comabtobscura.com/media

Ein weiterer Screenshot aus Lagozes Film.

Andere Szenen zeigen Soldaten, die Hasch aus einer alten Pringles-Dose rauchen. Oder ihre Zigaretten mit Haschisch stopfen, wenn sie auf Streife unterwegs sind. Ein Hauch von Vietnam könnte man meinen.
In einer weiteren Szene wird einem US-Marine in den Kopf geschossen – der Soldat stirbt vor der Kamera. „Ich denke schon, es ist schwer, so etwas zu sehen“, so Lagoze in Task & Purpose. „Aber manchmal ist es eben so, wie es ist.“ Dem ist epistemologisch nichts hinzuzufügen.

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