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David Berger: Ein Theologe im Kampf gegen „Islamisierung” und „Nanny-Medien”

    von





        Caroline Schmüser

Über den Blog „Philosophia Perennis”

  Mit dem Fresko „Die Schule von Athen" des itanlienischen Künstlers Raffael bebildert David Berger seine Bekenntnis zur Philosophia perennis.



  Bildnachweis: Correctiv

Der Blog „Philosophia Perennis” erreicht Millionen Leser pro Monat. Er berichtet über „Islamisierung” und kritisiert die angeblich „gleichgeschalteten” Medien. Allerdings erscheinen dort auch immer wieder Falschmeldungen. EchtJetzt wollte herausfinden, wer hinter dem Blog steht. Und traf auf den Theologen David Berger mit Verbindungen zur AfD.

Eine „linksgrün vermerkelte Einheitssuppe“ im Bundestag, die „Einschränkung von Presse- und Meinungsfreiheit“, die „Anti-AfD-Kampagnen der Nannymedien“, die „Islamisierung des Abendlandes“. „Aus all diesen Gründen wähle ich – nicht überglücklich, aber im Sinne des kleinsten Übels – am 24. September mit beiden Stimmen die ‚Alternative für Deutschland‘“, gab David Berger auf seinem Blog „Philosophia Perennis“ bekannt, nur wenige Tage vor der Bundestagswahl 2017. Berger ist zu diesem Zeitpunkt noch Mitglied der CDU, glaubt aber nicht an die Partei unter der Führung von Angela Merkel.

Bergers Blog, online seit Juni 2016, ist heute ein Leitmedium in Kreisen der sogenannten „alternativen Medien“. Laut dem US-amerikanischen Statistikdienst „Alexa” hatte „Philosophia Perennis” in den vergangenen 30 Tagen zwischen 80.000 und 190.000 Besucher täglich. In sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook werden die Artikel von „Philosophia Perennis” bis zu hunderte Male geteilt.

Die Artikel auf seinem Blog teilt Berger unter anderem in die Kategorien „Islamisierung”, „Allahu Akbar-Terror” und „Dschihad” ein. Auch auf Medienkritik legt er auf „Philosophia Perennis” einen Fokus: Berger kritisiert die „gleichgeschalteten Medien” der deutschen Medienlandschaft unter dem „Thron der großen Führerin”. Gemeint ist Angela Merkel.

Berger ist mittlerweile nicht mehr Mitglied der CDU. Stattdessen ist seine Nähe zur AfD, die er im September noch „im Sinne des kleinsten Übels” gewählt hatte, bezeichnend. Nur wenige Monate nach seinem „Bekenntnis” wird Berger als einer der Kuratoren der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung ernannt. Zur Feier des zweijährigen Jubiläums seines Blogs sind auch Alice Weidel, Erika Steinbach und Beatrix von Storch geladen, hätten sich jedoch aufgrund des am selben Tag stattfindenden AfD-Parteitags „ausdrücklich entschuldigen” lassen, schreibt Berger. Auf dem offiziellen YouTube-Kanal der AfD wirbt er für die angekündigte Partei-Großdemonstration am 27. Mai in Berlin. Später zeigt er auf seinem Blog die „schönsten Fotos” der Demonstration. Zu den Impressionen gehören Plakat-Schriftzüge wie „Heute noch frei, morgen unter der Scharia” und „Krieg gegen das deutsche Volk”.

Karriere in katholischer Kirche

Angefangen hat alles ganz anders. David Berger studiert nach eigenen Angaben an den Universitäten von Würzburg, Köln und Dortmund Philosophie, Theologie und Germanistik, promovierte in Philosophie. Damit beginnt seine Karriere in der katholischen Kirche. Bereits in jungen Jahren wird Berger zum „Korrespondierenden Akademiker” der im Vatikan ansässigen „Päpstlichen Akademie des Thomas von Aquin” ernannt, wie die Akademie selbst bekannt gibt. Seine Anstellung zum Herausgeber der katholischen Monatsschrift „Theologisches“ im Sommer 2003 beschreibt Berger als den „Höhepunkt” seiner „Verankerung im traditionalistischen Spektrum“. Wilhelm Schamoni, ein katholischer Theologe, gründete die Zeitschrift im Jahr 1970, inzwischen erscheint sie alle zwei Monate und scheint einen eher geringen Bekanntheitsgrad zu haben. Weder dem Katholischen Medienverband, noch dem Katholische Pressebund war die Zeitschrift auf Nachfrage bekannt. Der Bibliothekar der Deutschen Bischofskonferenz teilte uns mit: „Wenn sie bildungsmachend wäre, hätten wir sie in unseren Bestand aufgenommen“. Sie ist dem konservativ-traditionalistischen Lager zuzuordnen.

Im April 2010 kommt es zum Bruch zwischen Berger und der katholischen Kirche. Der Sprecher der Fördergemeinschaft „Theologisches” erhob laut einem katholischen Online-Magazin „schwere Vorwürfe” gegen Berger, weil dieser laut seinem privaten Facebook-Profil „mit dem homosexuellen Milieu liebäugeln“ sollte. Ein Skandal – Berger legte sein Amt bei der Monatsschrift nieder. Noch im selben Monat, am 23. April 2010, folgt Bergers öffentliches Outing in der „Frankfurter Rundschau”. Im November 2010 erschien dann Bergers Buch „Der heilige Schein“. Mit dem Buch wurde Berger zum „Whistleblower“ der katholischen Kirche. Er rechnete ab, mit der Doppelmoral einer Institution, die, wie Berger behauptet, nach außen hin Homosexualität verteufele, in den eigenen Reihen jedoch einen hohen Anteil Homosexueller beherbergen würde.

Chefredakteur bei Schwulenmagazin „Männer“

Die deutschen Medien feierten den „Whistleblower“ und boten ihm eine Plattform: In Interviews, Talkshows, Buchrezensionen. Berger publizierte bald selbst in anerkannten deutschen Medien wie der „Zeit” und „Cicero”. Im Mai 2013 wurde Berger dann zum Chefredakteur des mittlerweile eingestellten Schwulenmagazins „Männer“ ernannt. Doch der Ruhm währte nicht lange. Im Februar 2015 entließ das Magazin seinen Chefredakteur.

Die Begründung: Es sei „unerträglich, dass wenige Tage nach dem 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, unser Magazin mit Positionen eines politischen Brandstifters in Zusammenhang gebracht wird, dessen Gedankengut sich offensichtlich aus Antisemitismus und der Relativierung des Holocaust speist“. Gemeint war ein Autor, dessen Beitrag Berger veröffentlicht hatte. Er hieß: „Der Islamismus in der queeren Szene“. Berger schrieb dazu im Juli 2017 in der „Zeit“: „Ich habe irgendwann begonnen, die Homophobie nicht nur im Christentum, sondern auch im Islam scharf zu geißeln. Das war der Wendepunkt.“

Kritik an Islam auf Spitze getrieben

David Berger bezeichnet sich als „Islamkritiker”. Sein Narrativ zielt dabei auf Empathie. So schreibt er in seinem „Zeit”-Artikel vom Juli 2017: „(Im Sommer 2014) suchte mich auch Nasser X. auf, ein 17-jähriger Libanese aus Neukölln. Er berichtete mir, wie er von seiner Schwester zwangsgeoutet und vom Vater mit Benzin übergossen wurde, der ihn unter dem Ruf ‘Allahu Akbar’ anzünden wollte.“ Auch in einem Interview mit dem russischen Staatsmedium „RT Deutsch“ begründet Berger seine Einstellung zum Islam ähnlich. „Also ich glaube, die eigentlich ersten Leidtragenden der Islamisierung sind die Muslime selber. Von den zehn bis elf Leuten, mit denen ich enger befreundet war, leben noch drei. Alle anderen haben sich umgebracht“, erzählt Berger der Moderatorin Jasmin Kosubek.

Seine Kritik am Islam hat Berger mittlerweile auf die Spitze getrieben. Schlagzeilen auf seinem Blog lauten:

„‚Goldstücke’ oder die Wiederkehr der Zoophilie” (25.05.2018)


„Bombenentschärfung, Messer- und Giftattacken: Auch in Frankreich wird Ramadan gefeiert” (19.05.2018)


„ISLAMische Merkmale: Dominanzdenken, Kritikresistenz, Schuldverweigerung, Opferrollen und Forderungsmentalität” (03.10.2017)


„Europa: ‚Eines Tages wird das alles uns gehören’“ (24.08.2017)

An völkische Rhetoriken erinnert ein Artikel einer Gastautorin, die unter dem Namen Sus Scrofina auftrit. In dem „Philosophia Perennis”-Artikel vom 30. April 2018 vergleicht die Autorin Migrantinnen und Migranten mit sogenannten „invasiven Arten”. Also Tier- und Pflanzenarten, die „einheimische Arten aus ihrem Lebensraum verdrängen”. Sie nennt dies eine „biologische Invasion”, und schlussfolgert: „Unsere Kultur, unsere Lebensweise, unsere Freiheit, unsere Werte und unsere Menschen könnte man so einfach schützen, wenn unsere Regierung (…) ein paar Lehren aus der wissenschaftlichen Ökologie und Biodiversitätsforschung ziehen (…)  würde, anstatt immer weiter ideologisch verbohrt ihrem brandgefährlichen Experiment ‚Multikulturalismus’ zu frönen.“

Falschmeldungen und Spekulationen

In den letzten Monaten fiel „Philosophia Perennis” mehrfach durch spekulative Berichterstattung auf. So beispielsweise im Anschluss an die Amokfahrt in Münster im April diesen Jahres: Damals veröffentlichte Berger ein Video, das zwei potentielle Täter zeigen sollte – später stellte sich heraus, dass es sich bei den Männern in dem Video lediglich um Touristen aus Indien handelte, die von der Polizei überprüft worden waren, weil sie verdächtig wirkten. Eine Information, die wir mit einem Anruf bei der zuständigen Polizeibehörde leicht nachprüfen konnten. 

Auch Falschmeldungen finden ihren Weg auf Bergers Blog. So erschien am 12. Juni 2018 in der Rubrik „24/7-Terror” ein Beitrag zum Mordfall einer 15-Jährigen in der Stadt Viersen. In diesem wurde berichtet, der Täter sei nordafrikanischer Herkunft – zu dem Zeitpunkt war jedoch längst klar, dass es sich bei dem Tatverdächtigen um einen Bulgaren handelte. Viele Twitter-Nutzer kritisierten diese Meldung. Später wurde der Beitrag gelöscht.

 

Bereits um 14:48 Uhr am 12. Juni 2018 hatte die Polizei in einer Pressemitteilung vermeldet, bei dem Viersener Tatverdächtigen handle es sich um einen Bulgaren. Um 20:00 Uhr des selben Tages twitterte Berger einen Beitrag von „Philosophia Perennis”, in dem es hieß, der Täter sei nordafrikanischer Herkunft.

    Screenshot

 

Am 26. Juni 2018 behauptet Berger in einem Artikel, die Flüchtlinge von Bord des Schiffes „Aquarius” hätten vom Roten Kreuz gespendete Kleidung in den Müll geworfen. Es stellte sich heraus: Das Wegwerfen der Kleidung war vom Roten Kreuz Valencia vorgesehen, um die Übertragung von möglichen Krankheitskeimen und Infektionen zu verhindern. So hat es das Rote Kreuz Valencia schriftlich bestätigt.

Fehlende Unabhängigkeit, große Beliebtheit?

Es sind nicht die einzigen Falschmeldungen, die Berger veröffentlicht. Ein weiterer solcher Fall ist auch ein Beispiel für die Problematik, die Bergers Nähe zur AfD mit sich bringt. Im Anschluss an die AfD-Demonstration in Berlin am 27. Mai 2018, für die Berger auf dem YouTube-Kanal der AfD Werbung gemacht hatte, zeigte er nicht nur die „schönsten Fotos” der AfD-Demo, sondern berichtete auch von angeblichen Teilnehmerzahlen. Diese waren jedoch falsch – zugunsten der AfD. Als Quelle für die geschönten Zahlen nannte Berger „RT Deutsch”. Der Chefredakteur von „RT Deutsch” dementierte gegenüber Correctiv, jemals von solchen Zahlen berichtet zu haben.

Es wirkt widersprüchlich: Während Berger die etablierten Medien für ihre angebliche Regierungsnähe kritisiert, scheint Berger selbst zum Sprachrohr einer Partei zu werden. Während er Medien der Verzerrung der Wahrheit beschuldigt, verbreitet er selbst über seinen Blog Falschmeldungen.

Was steckt dahinter? Welche Gedanken bewegen ihn dabei? Mit David Berger konnten wir leider nicht über diese Fragen reden: Ein Interview, um das wir ihn baten, lehnte er ab.

Die Popularität von „Philosophia Perennis” steigt weiter – jedenfalls laut der Analyse-Webseite „10000flies”. Diese berichtet monatlich, welche deutschen Medienmarken die meisten Interaktionen bei Facebook und Twitter erzielen. Demnach schaffte es „Philosophia Perennis” von Platz 32 im Dezember 2017 auf Platz 18 im Mai 2018. Und führte damit vor Medien wie „n.tv”, „taz.de” oder dem „Tagesspiegel”.

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