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Gebrauchsmelodien | Hui Buhuhuh

Library Music wird nur zweckgebunden eingesetzt und fristet schon immer ein Schattendasein. Ein Sampler präsentiert jetzt Highlights des Genres Es gibt kein geistiges Eigentum. Autoren haben keine Rechte, nur Pflichten“, erklärte Jean-Luc Godard 2011 in einem Interview mit der Zeit. Was der „Auteur“ überspitzt formuliert, beschreibt präzise das Geschäftsmodell einer Musiksparte, die sich jede romantische Künstlerverklärung erspart: Library Music – Gebrauchsmusik für Geschäftskunden, die vor allem in den 1960ern und 70ern im Radio, in der Kinowerbung, in Imagefilmen der Industrie und anderen wenig glamourösen Kontexten lief. Und auch heute noch gute Geschäfte generiert. Die britische Firma De Wolf Music kam 1927 zuerst auf die Idee, kostengünstige Begleitmusik für Stummfilme anzubieten, die in den Kinos auf Schellackplatten oder Wachswalzen abgespielt wurde. Das Herstellungsprinzip ist über die Jahrzehnte weitgehend gleich geblieben: In kleinen muffigen Studios fertigen Teams von Komponisten, Musikern und Toningenieuren tagein, tagaus neue Songs, großorchestrale Stimmungsbilder oder Variationen von Geräuschen – was halt gerade so gefragt ist. So entstanden riesige Bibliotheken voller Vinyl-LPs die jedes Genre und jeden Kontext abdecken – aber im normalen Musikhandel bis heute nicht erhältlich sind. Auf den Hüllen der in winzigen Auflagen gepressten Alben finden Werber, Radiomacher oder Filmproduzenten trockene Beschreibungen dessen, was sie erwartet: „leichter relaxter Swing“ oder „verrücktes Geisterbahn-Thema“. Die Urheberrechte liegen in der Regel bei den Labels, die Künstler werden wie angestellte Facharbeiter ausbezahlt und müssen auf Tantiemen verzichten. In den goldenen 60ern und 70ern konnten die beteiligten Musiker und Komponisten trotzdem gut von ihrer Arbeit leben. Fast alle benutzten Pseudonyme, nahmen das Geld der Librarys gern, wenn die eigene Karriere ins Stolpern geriet. Dem romantischen Künstlerideal entsprach das freilich nicht. Eher waren sie die Proletarier an den Werkbänken der Musik, die oft auch „Sound-Alikes“ von populären Hits einspielten. Clevere Komponisten veränderten einfach ein oder zwei Töne, sodass eine rechtlich nicht anfechtbare Version von, sagen wir Hey Jude, auch für kleine Budgets erschwinglich wurde. Unterkühlte Eleganz Und trotzdem ist auf diese Weise großartige Musik entstanden. Das zeigt die exzellente Compilation Unusual Sounds: The Hidden History of Library Music. Der amerikanische Filmemacher, Autor und Plattensammler David Hollander hat sie als Begleitung für sein (nur auf Englisch erhältliches) gleichnamiges Buch zusammengestellt. Es ist ein faszinierender Blick in eine musikalische Welt, die nie authentisch klingt, sondern oft auf unterkühlte Weise elegant, manchmal auch ziemlich bizarr. Der Komponist Janko Nilovic kombiniert für Xenos Cosmos in atemberaubenden Arrangements den Retro-Futurismus eines Peter-Thomas-Soundtracks, mit dem bombastischen Prog-Rock-Gewittern der Band Magma und den intergalaktischen Improvisationen des Sun Ra Arkestra. Auch Funky Fanfare von Keith Manfield, Dirigent und Arrangeur des Dusty-Springfield-Albums Dusty … Definitely, ist ein Klassiker der Library Music. Der stets stil- und trendbewusste Quentin Tarantino hat das Stück in gleich zweien seiner Filme untergebracht: Kill Bill und Death Proof. Doch letztlich waren es vor allem neugierige DJs, Hip-Hop-Produzenten auf der Suche nach obskurem Sample-Material und Platten-Nerds, die in den 1990ern Library Music und Labels wie KPM, Colorsound oder Sonotone für sich entdeckten. Sie fanden ein Universum aus modernistischen Sounds in hoher Klangqualität, einen Nachhall der Alltagsmusik der 60er und 70er. Weit exklusiver (und spezieller) als normale Pop- oder Jazz-Alben, eingespielt von teils hochkarätigen Künstlern, vollgestopft mit originellen Fanfaren, Beats und Soundeffekten. Und dabei evozieren die 20 Stücke von Unusual Sounds immer wieder einen angenehm irritierenden Retrofuturismus, der dem Gedanken folgt, dass die Zukunft leider auch nicht mehr das ist, was sie früher einmal war. John Camerons Half Forgotten Daydreams etwa könnte wunderbar eine Folge der dystopischen Science-Fiction-Serie Broken Mirror untermalen. Unter dem Stichwort „Hauntology“ geistert Library Music ja auch durch die Texte von Autoren wie Mark Fischer und Simon Reynolds. Schatten der Vergangenheit, die uns immer wieder einholen und dabei ein seltsames Gefühl von Verlust erzeugen. Heute verwenden nicht mehr nur B-Movie-Regisseure oder deren Aficionados die skurrilen Reize der Library Music, sondern auch Hollywood-Filmemacher wie Wes Anderson, Ang Lee oder Ridley Scott. Doch je prominenter die beteiligten Player sind – selbst Jay-Z und Kanye West verarbeiteten Library-Samples in Tracks –, desto komplexer wird die Rechtslage. Dann müssen im Zweifel – und wenn die Anwälte gut genug sind – halt doch Tantiemen fließen. Wer davon etwas abbekommt, ist eine andere Frage. Für das Fußvolk der Branche gilt heute mehr denn je die Ansage von Jean-Luc Godard.
Info
Unusual Sounds: The Hidden History of Library Music Various Artists Anthology Recordings

Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.

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