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Georgien | Spätantike Hipster

Was schreiben die da so im Gastland der Buchmesse? Wir haben Menschen gefragt, die es wissen müssen, da sie sich mit georgischer Literatur intensiv befasst haben Was dem Literaturwissenschaftler an der georgischen Literatur ins Auge fällt, ist die bemerkenswerte Langlebigkeit ihrer materiellen Grundlage. Wie ansonsten, soweit man sehen kann, nur die isländische, ist die georgische Sprache seit dem Mittelalter sich so gleich geblieben, dass heutige Schulkinder das Nationalepos der georgischen Literatur, Schota Rustawelis berühmten Recken im Tigerfell, problemlos lesen können. Anders als zum Beispiel Wolfram von Eschenbachs Parzival ist die Welt der Aventüre, der hochherzigen Tapferkeit, ebenso wie die höfische Gesinnung seit der Zeit der legendären Königin Tamara in Georgien ein lebendiges literarisches Erbe und ein Anspielungsschatz der Gebildeten wie der einfachen Menschen geblieben. Mittelalterlicher Stil und Formen lassen sich noch in der zeitgenössischen Literatur und sogar in den Mentalitäten der jungen Hipstermetropole Tiflis spüren. Aus ähnlichen Gründen durchzieht ein Sinn für das Märchenhafte und archaisierend Fantastische auch moderne georgische Bücher, und auf dem Land entstehen immer noch neue Versionen alter Märchen, oder es werden neue erzählt. Der georgische Modernismus kommuniziert in einer Weise mit vormodernen Lebenswelten, die für westliche Leser überaus reizvoll ist. Mit diesem „Nachleben“ des Mittelalters und sogar der Spätantike hängt auch zusammen, dass der wohl bedeutendste georgische Schriftsteller des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, Wascha-Pschawela, ein Krieger und Bergbauer war, der zwar in Telawi und sogar St. Petersburg studierte, in seiner produktivsten Zeit aber nur gelegentlich aus seinem abgelegenen Dorf in die literarischen Salons von Tiflis gekommen ist. Er schrieb sich in die entstehende modernistische georgische Literatursprache ein – ein weltliteraturgeschichtlich einmaliger Vorgang Nirgends sonst ist die Symbiose unterschiedlichster Einflüsse so zu beobachten. Nach der Oktoberrevolution setzte in der entstehenden Sowjetunion eine Binnenwanderung von Dichtern und Intellektuellen aus den Metropolen Moskau und St. Petersburg in weniger umkämpfte Subzentren wie das belorussische Wizebsk oder eben nach Tiflis ein, eine Weile lang waren sie die kulturellen Hot Spots. Die dadurch entstehende Kultur aus Symbolismus und Futurismus, Suprematismus und Dadaismus lebte in Georgien noch bis zum großen Terror von 1937 und darüber hinaus weiter. Ihr verdankt noch das zeitgenössische literarische Leben Georgiens eine spezifische Mischung aus Romantizismus und Experiment. Leider liegt auf Deutsch keine georgische Literaturgeschichte vor, etwa die des Londoner Professors für Russisch und Georgisch, Donald Rayfield. 2012 übrigens legte er eine Geschichte Georgiens vor, die über die wechselhafte heroische und blutige Geschichte des interessanten und inspirierenden Landes informieren kann, das 2018 offizieller Gast der Frankfurter Buchmesse ist. Stephan Wackwitz leitete von 1991 – 1997 das Goethe-Institut in Tiflis Was Literatur bewirken kann Es fing mit einer Einladung des georgischen Buchzentrums nach Tiflis an. Ich war angetan von der Stadt, der Kultur, den Menschen, aber auch von der Liebe zum Buch, die im deutschsprachigen Raum manchmal den Anschein macht zu schwinden. Das Buchzentrum, die Verleger und die Autoren zeigten voller Energie und Leidenschaft, was Literatur in einem kleinen Land bewirken kann. Die Identität und das Selbstbewusstsein steckt in der Schrift und in den Texten der Autoren. Mit zwei Büchern in der Tasche (Fried Nielsen: Wind, der weht. Georgien im Wandel und dem Band Europa Erlesen: Georgien, beide aus dem Jahr 2006) war ich angereist, mit jeder Menge Ideen und Inspirationen wieder nach Hause gefahren. In Zusammenarbeit mit dem Buchzentrum konnten wir inzwischen zahlreiche Bücher umsetzen. Mittlerweile ist Georgien in aller Munde. Die Neugierde geweckt, das Faszinierende weit sichtbar, das Mystische anziehend und die Literatur verführerisch. Mit Sonntag der beleuchteten Fenster und Wahrsagen durch Marmelade hat die Autorin Diana Anfimiadi eine kulinarische Biografie von seltener Schönheit vorgelegt, die einlädt, sofort die Füße in die Hände zu nehmen. Ihr neuestes Buch, das ebenfalls zum Schwerpunkt erscheint, ist ein Rezeptbuch, das das Leben der Schriftstellerin und Feministin Barbara Jorjadze aus dem 19. Jahrhundert behandelt. Nicht zuletzt führt die Küche das kleine Land am Kaukasus näher an Europa heran. Lojze Wieser, Erika Hornbogner sind des Verleger Wieser und Drava Verlags Grausam und zärtlich, wie verzaubert Eine echte Entdeckung ist Tamar Tandaschwilis Debütroman Löwenzahnwirbelsturm in Orange, (Residenz Verlag). Ihr Erzählband steht quer zu allen gängigen Georgienklischees und verrät doch ungeheuer viel über die gesellschaftliche Realität des Landes. Grausam und zärtlich in einem fast unerträglichen Ausmaß, verdankt sich das Buch nicht zuletzt der Arbeit der Traumatherapeutin und Aktivistin Tamar Tandaschwili, die sich in ihrer Heimat für die Opfer sexueller Gewalt und für LGBTQ-Rechte einsetzt. Unnötig zu sagen, dass sie damit in dem immer noch stark patriarchalen Land die gesamte Phalanx von Kirche, Staat und Polizei gegen sich aufbringt. Knapp und poetisch verdichtet, erzählt die Autorin Geschichten wie jene der brillanten und schönen Elene, die wegen ihrer lesbischen Neigungen von ihrem Verehrer Mserosa und dessen Freunden öffentlich vergewaltigt wird. Rein zufällig tritt derselbe Mserosa wenig später als Spitzenkandidat der nationalen Heimatpartei und als rücksichtsloser Tierquäler auf. So brutal die Fakten, so traumschön und heiter ist auch der Trost, den die Autorin spendet: eine verzauberte Begegnung mit zwei jugendlichen Selbstmördern im Jenseits, ein außer Rand und Band geratenes grasgrünes Nilpferdbaby und ja: ein orangefarbener Löwenzahnwirbelsturm. Jessica Beer ist Leiterin des Literaturprogramms beim Residenz Verlag Ich stelle mich in den Hintergrund Mein erstes Buch Diagnose erschien 2015 in Georgien und gewann den wichtigsten Literaturpreis Saba für das beste Debüt. Da ich zeitgleich als Übersetzerin arbeite, übertrug ich kurz darauf das Buch selbst ins Deutsche. Es ist unter dem Titel Wenn es nur Licht gäbe, wenn es dunkel wird (btb Verlag) erschienen. Eigene Geschichten zu übersetzen, ist eine einmalige Erfahrung: Beim Übersetzen versuche ich normalerweise, die Stimme eines Autors oder einer Autorin in einer anderen Sprache zu finden. Als ich mit dem Übersetzen angefangen habe, hat mir jemand einen Rat gegeben, dem ich bis heute zu folgen versuche: „Du musst dir vorstellen, wie der Autor das Buch in dieser Sprache schreiben würde.“ Dabei versuche ich mich vollständig in den Hintergrund zu stellen, was manchmal gar nicht so leicht ist, vor allem, wenn man selbst schreibt. Meine eigenen Texte zu übersetzen, das heißt, meine Stimme in einer anderen Sprache wiederzufinden. Manchmal vertiefe ich mich noch einmal so sehr in die Suche nach dem, was ich sagen möchte, dass ich aus einer vierseitigen Kurzgeschichte eine 16-seitige Erzählung mache, einfach, weil ich durch den Wechsel der Sprache und der Bildwelten einen ganz neuen Zugang zu dem bekomme, was ich zu erzählen habe. Jeder Autor kennt das ja, man trägt eine Geschichte in sich und macht sich auf die Suche nach einer Form, nach Worten, um sie erzählen zu können. Das in einer Sprache zu tun, in der ich mich auch zu Hause fühle, die aber nicht meine Muttersprache ist, und die ja zum Teil auch für einen anderen Teil meines Selbst steht, verändert natürlich auch meine Geschichten. Ich finde schon, dass man sagen kann, dass ich beim Übersetzen meines eigenen Buches sowohl Übersetzerin als auch Schriftstellerin bin. Iunona Guruli, 1978 geboren in Tiflis, studierte Schauspiel und Journalistik Komik und Lakonie, existenziell leer Georgien, ein Land, das nur so groß ist wie Bayern und dessen Küste man die „Côte d‘Azur des Ostens“ nennt (ein oft bemühtes Klischee …), ist ein Land, das immer noch im Umbruch ist, ein Land im post-post-post. Die Anthologie Georgien. Eine Literarische Einladung versammelt Texte aus Georgien und über Georgien. Die porträtierten Landschaften und Orte spiegeln den Kontrast zwischen archaischen Traditionen und rasanter Globalisierung. Dato Turaschwili zum Beispiel, Jahrgang 1966. Turaschwili ist Dozent für moderne Literatur in Tiflis und war als Anführer der Studentenproteste 1988/89 an der friedlichen Rosenrevolution beteiligt, später protestierte er gegen den Bau der Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline. Sein Schreiben umkreist immer wieder (post-)sowjetische Realitäten. Oder die 1983 in Tiflis geborene Nino Haratischwili. Dank der preisgekrönten Dramatikerin, die mit ihrem Romandebüt Die Katze und der General (FVA) über den Tschetschenien-Krieg für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominiert ist, hat die georgische Literatur in jüngerer Zeit überhaupt an Bedeutung gewonnen. Unsere Literarische Einladung stellt aber auch unbekanntere Schriftsteller vor, wie etwa den 1967 in Karaganda geborenen neodadaistischen Schriftsteller, Multimediakünstler und Menschenrechtsaktivisten Zurab Rtveliashvili. Der studierte Jurist lebt seit 2010 im politischen Exil in Schweden. Viele jüngere Schriftstellerinnen und Schriftsteller bevorzugen einen eher brutal-realistischen Stil mit einer direkten, unverblümten Sprache – Zaza Burchuladze, 1973 in Tiflis geboren, der heute in Berlin lebt, und Aka Morchiladse, Jahrgang 1966, schildern so das Leben in der post-sozialistischen Hauptstadt, die existenzielle Leere, durchaus aber mit Komik und Lakonie. Erstmals auf Deutsch übersetzt wurde Iwa Pesuaschwili, dessen Text die Zerrissenheit im Hier und Heute eindrücklich beschreibt. Lena Luczak, ist Lektorin beim Wagenbach Verlag Geschichte einer Spaltung Die neunziger Jahre. Zwischen Aufbruch, Putsch, Gegenputsch, Separation und Annexionsversuchen interessiert sich niemand für ein Relikt aus alten Zeiten, für das „Internat für geistig beeinträchtigte Kinder“. Eine 18-Jährige verharrt rauchend. Lela kümmert sich um die Vergessenen und Verwaisten. Sie bewahrt die Erinnerungen an heldenhaft Entlassene oder Entkommene. An Kinder mit unklaren Diagnosen, die vielleicht nur ins Heim gesteckt wurden, weil sich ihre Eltern nicht kümmern konnten. Sie übernimmt die Mutterrolle bei einem vernachlässigten Jungen. Lela ist explosiv, zornig, mitfühlend. Sie erträgt kaum, wie Irakli unter all der Liebesverweigerung leidet. Auch der Titel Das Birnenfeld (Suhrkamp) kommt direkt aus der Heimhölle. Auf dem Birnenfeld fanden in Lelas Kindheit Vergewaltigungen statt. Die Opfer blieben auf dem Feld zurück, die Täter verschwanden einfach. Schließlich schlossen sich die Erniedrigten und Überlebenden wieder einer Gruppe an, ohne Aussicht auf Gerechtigkeit und Rache. Sie liefen einfach mit, als sei ihnen nichts geschehen. Nana Ekvtimishvili erzählt eindrücklich von einer kollektiven Persönlichkeitsspaltung. Jamal Tuschick ist Blogger, Schriftsteller und Literaturkritiker Die Poesie in einer komplizierten Prosa Otar Tschiladses Romane sind Weltliteratur, diese Qualität war für mich als seine Übersetzerin stets Maßstab, Motivation und besondere Herausforderung. Seine poetische, unendliche bildreiche Schreibweise, die bis heute den Lyriker verrät, die innere und äußere Dramatik, die bis ins Feinste verästelte psychologische Figurenzeichnung, die vielfältigen kausalen Zusammenhänge und Gegensätze in den menschlichen Beziehungen, all die offenen und versteckten historischen Bezüge verlangen bei der Umsetzung höchste Aufmerksamkeit und zugleich syntaktisches Gestaltungsvermögen angesichts einer komplizierten Prosa. Mit Awelum (georg. 1995, deutsch 1998 und 2018 bei Matthes & Seitz), diesem freiheitsbewussten Citoyen aus den uralten Zeiten der Sumerer, machte Tschiladse in seiner „Seelenbiographie seines Volkes“, wie er es beschrieb, jäh einen Sprung in die turbulente, riskant-hoffnungsvolle Gegenwart damals, als 1991 das „Imperium“ zerfällt und Georgien seine Unabhängigkeit erklärt. Gegen das „Reich des Bösen“ hatte der Held sein amouröses „Reich der Liebe“ errichtet, ein kühnes internationales Viereck unter den Augen des KGB. Als beide Reiche zusammenbrechen, wird das Erträumte wahr – der Weg in eine selbstbestimmte Zukunft ist offen – und voller Probleme. Hier schreibt Tschiladse, alle Metaphorik beiseite lassend, Klartext. Für das Erscheinen des über 600 Seiten langen Romans im inzwischen vereinten Deutschland bedurfte es gleich mehrerer Wunder in Jahrzehnten, in denen lange kein Platz war für georgische Literatur. Kristiane Lichtenfeld ist freie Übersetzerin
Cut, Land und paste
Die Bilder dieser Ausgabe stammen von Künstlerinnenkollektiv Live Wild. Ein Mix aus Collagen, GIFs, Video und Fotografie ist das, ein wildes Manifest: Das Kollektiv Live Wild will das Erbe der Dadaisten und der Fluxus-Bewegung antreten. Sieben junge Künstlerinnen bilden das Kollektiv, die Gründerin Camille Lévêque sieht Künstlerinnen zu sehr auf feministische Aspekte reduziert. Als hätte Kunst von Frauen keine andere Dimension. Das Kollektiv will mehr, „we are DADA-mad“. Mit dabei: Lila Khosrovian, Anna Hahoutoff, Marguerite Horay und Charlotte Fos, die Armenierin Lucie Khahoutian, die Ukrainerin Ina Lounguine. Sie leben und arbeiten verstreut in Europa, Russland, den USA und Kanada. Sie treffen sich jeden Tag online und auf Instagram. Mehr zur Philosophie auf: www.thelivewildcollective.com

Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.

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