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Hambacher Forst | Widerstand aus dem Unterholz

Zu Besuch bei Klima-Aktivisten in dem Waldstück, das RWE für den Braunkohle-Tagebau roden lassen will – Tage vor der nun mutmaßlich beginnenden Eskalation Emil Freytag hat einen sanften Blick und spricht ruhig, auffallend an ihm sind im ersten Moment nur seine pink lackierten Fingernägel. Der Student engagiert sich in der Klimagerechtigkeitsbewegung, er ist Teil des Aktionsbündnisses Unterholz. Vom Treffpunkt in Köln aus soll es gleich in Richtung Hambacher Forst gehen. Es sind die Tage vor dem dort erwarteten großen Knall, an diesem Mittwoch schließlich wird die Polizei einrücken, um die Rodung von Bäumen im Interesse des RWE-Konzerns und seiner Pläne für noch mehr Abbau von Braunkohle vorzubereiten. Jetzt, Tage zuvor, sagt Freytag, dass sich im Aktionsbündnis mehrere Gruppen zusammengeschlossen hätten, um sofort handlungsfähig zu sein, sobald die ersten Bäume im Hambacher Forst gefällt werden. Er erzählt von gut besuchten Vorbereitungstreffen hier in Köln, in Aachen und Bonn. Davon, wie sehr ihn beeindruckt, dass viele Menschen, die noch nie an einer „Aktion zivilen Ungehorsams“ beteiligt waren, bereit sind, sich darauf einzulassen. Blockadetrainings sollen sie auf den Ernstfall vorbereiten. „Wir haben einen klaren Aktionskonsens,“ sagt Freytag, „an erster Stelle steht für uns die körperliche Unversehrtheit aller Beteiligten. Von uns wird keine Eskalation ausgehen.“ Dass solche Blockaden im juristischen Sinne dennoch eine Straftat darstellen, ist ihm bewusst. Doch genau das gehöre zum Konzept des zivilen Ungehorsams. Freytag redet von einer langen Tradition des Widerstands, von Mahatma Gandhi, die schwarze Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre, von den Blockaden der Anti-Atom-Bewegung im Wendland. Der Klimaaktivist ist überzeugt davon, dass diese Aktionsform legitim und notwendig ist. Die Abholzung des letzten Stück Waldes im Rheinischen Braunkohlerevier erscheint den Aktivisten in mehrfacher Hinsicht sinnlos: Das Gebiet hätte nach EU-Richtlinien längst zum Naturschutzgebiet erhoben werden müssen, sagen sie. Und um die deutschen Klimaziele auch nur annähernd erreichen zu können, müsse die darunterliegende Braunkohle im Boden bleiben. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) hat sich der Forderung angeschlossen, bis Ende des Jahres ein Moratorium für die bevorstehenden Rodungen einzulegen. Hoffnung auf die Klage Die Rechtmäßigkeit der vorgesehenen Rodungen steht in Frage. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) hofft, seine Klage könnte das Oberlandesgericht Münster veranlassen, RWE dazu zu verpflichten, den uralten, artenreichen Wald unangetastet zu lassen. Der Energiekonzern jedoch will mit aller Macht seinen Plan verfolgen. Jetzt im September, vor Beginn der offiziellen Rodungssaison am 1. Oktober, will er den Wald im großen Stil räumen lassen und dafür breite Schneisen bis zu den Baumhaussiedlungen derer, die ihn seit Jahren besetzten, schlagen. Allein das würde die in der Vergangenheit ohnehin stark geschrumpfte Fläche des Forstes auseinanderreißen und zerstören. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) lehnt es bisher rigoros ab, zumindest bis zum Ende der Beratungen der Kohle-Kommission des Bundes einen Rodungsstopp zu verhängen und argumentiert, die rot-grüne Vorgängerregierung im Land habe die rechtlichen Voraussetzungen für die Abholzung geschaffen. Emil Freytag zeigt auf dem Weg zum Hambacher Forst auf ein Dorf mit Kirchturm, das von Weitem nicht ungewöhnlich aussieht. „Das ist Manheim“, sagt er. „Der Ort ist praktisch ausgestorben.“ Manheim soll bald den Baggern zum Opfer fallen. Freytag erzählt die Geschichte zweier Familien: Deren Väter seien im vergangenen Jahr gestorben, kurz nachdem ihre Umsiedlung unausweichlich wurde. ‚Ich werde eher unter die Erde ziehen als in einen anderen Ort‘, hätten sie immer gesagt. Bisher wurden in dieser Gegen mehr als 40.000 Menschen umgesiedelt, auf Grundlage eines Bergrechtes, das aus der Zeit des Nationalsozialismus stammt. Wegen der starken Polizeipräsenz empfiehlt Freytag, sich seitlich über das Wiesencamp dem Wald zu nähern. Wir parken dort, folgen dem Weg vorbei an alten Wohnwagen, Zelten, windschiefen Hütten und begegnen am Waldrand einem Mann mit grauer Kapuzenjacke, einem Bekannten Freytags. Wie sich herausstellt ist er Besitzer eines Aktionsbusses, der tags zuvor von der Polizei beschlagnahmt worden war. Er will etwas richtigstellen, das Medien ihm zufolge falsch berichtet hätten. Sein Beifahrer und er hätten nur die „externe“ Küche im Wald beliefern wollen, als ihnen ein Streifenwagen gefolgt sei. Eine allgemeine Verkehrskontrolle hätte das angeblich sein sollen, doch an der Tankstelle in Buir, wo man sie aussteigen habe lassen, hätten sie sich fünf gezogenen Waffen gegenüber gesehen. Der mit Diesel gefüllte Ersatzkanister, eine Rolle Klopapier und Becher mit der Aufschrift „Kein Mensch ist illegal“ seien in den Augen der Polizisten Beweis genug für die Herstellung von Molotowcocktails gewesen, der Vorwurf: schwerer Landfriedensbruch. Der Beifahrer sei festgenommen worden, da sein Halstuch darauf hingedeutet habe, dass er damit vermummt an einer Straftat beteiligt gewesen sei, die tags zuvor begangen worden sei. Absurd findet der Mann mit der Kapuzenjacke das, ihm ist der Schock noch anzumerken, die Empörung, doch in seiner Stimme liegt keine Aggression, nicht einen Moment lang. Während er erzählt, wird das Motorengeräusch eines am Himmel kreisenden Polizeihubschraubers immer lauter. Der Bus ist weg Man habe ihn gedrängt, sein Widerspruchsrecht aufzugeben, erst dann, so habe es geheißen, lasse man seinen Bus in Ruhe. Auf den Deal ist er nicht eingegangen. „Ich glaube, die Polizei hat bewusst diesen Bus außer Kraft gesetzt, weil er die letzten Monate und Jahre im Hambacher Forst als Küche im Einsatz war und ist.“ Mit dem Bus verlor er seinen Wohnraum. Kleider, Bargeld, Telefonnummern und Kontakte – all das sei beschlagnahmt worden. Demnächst werde er juristisch dagegen vorgehen, sagt er, bevor er sich verabschiedet. Emil Freytag führt jetzt durch den uralten Wald, dessen Existenz auf dem Spiel steht. Ein ungleicher Kampf wird darin stattfinden, sofern Politik oder Justiz nicht ein Moratorium oder einen Rodungsstopp verhängen. So viele Einsatzkräfte wie nie zuvor werden auf hunderte blockierende und protestierende Menschen treffen. „Ich habe natürlich Angst verprügelt zu werden oder Pfefferspray abzukriegen“, sagt Freytag, „das macht keinen Spaß, aber die Hoffnung ist stärker als die Angst. Die Hoffnung, dass es morgen noch ein morgen geben kann, dass es eine Zukunft auf diesem Planeten geben kann für die künftigen Generationen.“ Laut einer neuen Studie von Greenpeace würde ein schneller, machbarer Braunkohleausstieg die Einhaltung des Klimaziels 2020 noch ermöglichen, das gibt Freytag Hoffnung, genauso wie der wachsende, vielfältige Widerstand gegen RWE. Er reicht vom juristischen Kampf des BUND über Petitionen, Offene Briefe bis hin zur Waldbesetzung, den Klimacamps oder den berühmt gewordenen Waldspaziergängen. Als Protestform, die verschiedenste Akteurinnen und Akteure miteinander verbindet, sind sie für den Widerstand unverzichtbar geworden. Über 500 Menschen nahmen am letzten Spaziergang teil, die meisten von ihnen zum ersten Mal. Essentiell für eine Welt ohne Ausbeutung und Umweltzerstörung ist in Freytags Augen gelebte Basisdemokratie. In den vergangenen Jahren sei sie bei Klimacamps und in Aktionen vielfach erprobt worden und hab auch im Herbst 2017, während der Massenblockaden im Tagebau Hambach, gut funktioniert: Alle, die von einer Entscheidung betroffen waren, hätten diese gemeinsam und schnell getroffen. Ein bisschen Angst Ein Tag später, ein Besuch in Gallien, dem bekanntesten der etwa zehn Besetzer-Dörfer im Wald, diesmal ohne Begleitung; alles scheint ruhig zu sein. Die über Kletterseile zugänglichen Baumhäuser befinden sich in schwindelerregender Höhe. Nur das zweistöckige Gemeinschaftshaus, der sogenannte Tower, liegt etwas tiefer und ist über eine lange, robuste Leiter erreichbar. Am Eingang eines Stoffzeltes mit Feuerstelle spreche ich ein junge Frau an, Lilien. Sie sei erst vor drei Tagen hierher gekommen, sagt sie. Eigentlich habe sie den Wald nur kurz besuchen wollen, so erzählt sie mir auf dem kurzen Weg nach „Oaktown“, doch wegen der drohenden Räumungen habe sie beschlossen, zu bleiben. „Die Polizei darf hier Elektroschockgeräte einsetzen. Deshalb habe ich mich in der ersten Nacht im Zelt unsicher gefühlt.“Nun wohnt sie in einem Baumhaus. In Oaktown schildern drei Bewohner die Hintergründe des großen Polizeiaufgebotes und der Durchgangssperre am Vortag: Zwei aufwändig gebaute Barrikaden seien geräumt worden. Jemand hätte sich im Schrottauto, einem Teil der südlichen Barrikade, angekettet. Die Polizei habe Stunden benötigt, um die robuste Ankett-Vorrichtung aufzuflexen. Gleichzeitig habe sie Vorbereitungen zur Entschärfung einer Bombe in der Nähe zweier Baumhäuser getroffen. Ein Fehlalarm, eine Attrappe, so hieß es später. 600 Beamte waren im Einsatz, Wasserwerfer standen bereit. Die Waldbewohnerinnen und -bewohner betrachten das eher gelassen, fast sportlich: „Sie wollen uns nur einschüchtern, doch das funktioniert nicht.“ Dennoch, das Bevorstehende belastet sie, sie sehen ihren Lebensraum und ihre Gemeinschaft bedroht. „Ein bisschen Angst habe ich schon“, sagt ein junger, schmächtiger Mann, dessen Kapuzenshirt mit einer Friedenstaube bedruckt ist. „Aber ich bin bereit, auch in den Knast zu gehen, ich habe damit abgeschlossen.“ In der Gemeinschaft im Wald suchte und fand er einen Freiraum jenseits des Drucks, den er im Alltag empfand. „Ich hatte vorher mit Depressionen zu tun, die sind nun wie weggeblasen.“ Auszuprobieren, wie man solidarisch zusammenleben kann, gilt hier als großes Experiment. „Wir lernen viel voneinander, man organisiert sich anders“, sagt jemand. „Hier sind andere Fragen wichtiger als ‚Wo krieg‘ ich mein Geld her‘?“ Sie könne sich hier nicht mehr vorstellen, vereinzelt in einer Wohnung zu leben“, sagte eine Besetzerin. Ein Kompromiss mit der Polizei Als 2014 fünf Baumhäuser geräumt worden waren, habe das die Rodungen bereits erheblich verzöget, heißt es hier. Inzwischen gäbe es 50 Baumhäuser, viele davon mit Ankett-Vorrichtungen. Mehrere Barrikaden seien ebenfalls nicht leicht zu beseitigen. Und die Polizei habe nunmal wenige klettererfahrene und technische Spezialkräfte. Einer der hier Versammelten war 2012 dabeigewesen, beim Beschluss, den Hambacher Forst zu besetzen. „Es gab zwar Widerstand gegen RWE, aber die Aktionen hatten immer Appellcharakter“, meint er. „Wir sagten uns, das reicht nicht mehr. Klimawandel ist so ein drängendes Problem. Wir müssen selber etwas tun.“ Sie alle stellen sich auf eine lange Belagerung ein. Sie horten Essen und viel Wasser und werden ausharren. Auch eine Räumung wäre für sie nicht der Schlusspunkt. Sie werden zurückkehren, so ist ihre Absprache. Die Gangart der Polizei wird härter. Einige Hundertschaften durchsuchten jüngst das recht kleine Wiesencamp, konfiszierten Gegenstände, die man als Waffe zweckentfremden könnte, außerdem Schlafsäcke und Wasserkanister. Tage später deklarierte die Aachener Polizei den Hambacher Forst und dessen Umgebung einschließlich der Ortschaften Buir und Morschenich zum Gefahrengebiet. Seitdem werden Personen und Fahrzeuge engmaschiger durchsucht, besonders an den Zugangswegen zum Forst. Eva Töller, die zusammen mit ihrem Lebensgefährten Michael Zobel die Waldspaziergänge organisiert, sieht darin eine Verletzung der Grundrechte. In ihren Augen ist das eine Gewalt, die in keinem Verhältnis zu der kleinen Gruppe von Leuten steht, die Steine auf Polizisten geworfen hatten. „Natürlich bin ich dagegen, dass man Steine wirft, aber es sind nur wenige, die das machen. Es ist schwer, sich nicht provozieren zu lassen. Und eine ganze Zeit lang, als schon viele Barrikaden geräumt wurden, ist es trotzdem friedlich geblieben.“ Was sie hilflos und wütend mache, sei die Kriminalisierung in der Öffentlichkeit. „Wir alle werden unter Generalverdacht gestellt, und das schürt den Hass auf uns.“ In der Nacht zum vergangenen Sonntag entlud sich dieser Hass, als das sogenannte Bündnismobil, ein umgebautes Feuerwehrauto und Symbol des Widerstands, mitten in Buir in Flammen aufging. Es ist von Brandstiftung auszugehen. Dass niemand im Fahrzeug übernachtete und auch niemand verletzt wurde, ist reine Glücksache. Töller beteiligte sich an der Finanzierung des vielseitig eingesetzten Protest-Mobils. Wer den Brand gelegt haben könnte, darüber will sie nicht spekulieren. „In jedem Fall war es jemand, der uns sehr hassen muss.“ Sie will weiterkämpfen. Was ihr Hoffnung macht: Vergangenen Samstag hatte die Polizei dem Künstlerpaar Saxana und Helge Hommes verboten, im Wald zu malen. Die beiden Künstler hatten innerhalb von zehn Tagen bereits auf zehn Ölbilder festgehalten, was sie umgab. Helge beeindruckten vor allem die Baumhausdörfer, das seien die eigentlichen Kunstwerke, so sagt er. Von der Hochkultur dieser jungen Menschen ginge eine Kraft aus, vor der die Politik und RWE sich fürchte. „In deren Augen dürfen solche starken Bilder nicht nach außen dringen, sie wollen statt dessen Bilder der Gewalt erzeugen und provozieren.“ Um ihr Abschlussbild malen zu können, hatten Saxana und Helge die Teilnehmerinnen des Waldspaziergangs um Unterstützung gebeten. Nach gut einer Stunde Verhandlung mit der Polizei hob der Einsatzleiter das Malverbot wieder auf. „Ich habe ihnen die Bedeutung eines Malverbots in Deutschland klar gemacht“, vor dem Hintergrund der Geschichte, sagt Helge Hommes. Und er will beobachtet haben, dass diese versöhnliche Lösung vor allem bei den Polizeibeamten Erleichterung ausgelöst habe.Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.

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