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Hegelplatz 1 | Salomonische Wand

Nach „avenidas“ von Eugen Gomringer ziert nun ein neues Gedicht die Fassade der Alice-von-Salomon-Hochschule in Berlin. Es lebt den Kompromiss Auf der anderen Seite des Hegelplatzes befindet sich das Seminar für deutsche Sprache und Literatur. Wer durch das Vorlesungsverzeichnis fürs Wintersemester blättert, findet auch Kurse zur Lyrik. Wäre ich heute Bachelorstudent, würde ich Modul 16 besuchen. Es geht um komische Lyrik, ein Schwerpunkt werden „Parodien von bestimmten Autoren und lyrischen Untergattungen“ sein. Viel parodiert wurde ja auch das Gedicht avenidas von Eugen Gomringer, das nicht mehr an der Alice-von-Salomon-Hochschule hängen darf. Alleen/Alleen und Blumen/Blumen/Blumen und Frauen … Sie erinnen sich? Die Leute waren sehr kreativ, auch wir drucken ein paar schöne Parodien und Travestien. Ja, überhaupt wurde seit Menschengedenken nicht mehr so intensiv über Lyrik gestritten. Menschen, von denen man das nicht gedacht hätte, schwangen sich zu Rettern der konkreten Poesie auf, denn es ging ja um nichts weniger als die Freiheit der Kunst, und insgeheim ging es natürlich bei manchen schon auch darum, wie dämlich doch diese Weiber sind, die es einfach nicht aushalten, dass einer die Frauen bewundert. Nun also ist das Gedicht weg. Und bald wird das neue dastehen. Von der Lyrikerin Barbara Köhler. Hier ist es: SIE BEWUNDERN SIE BEZWEIFELN SIE ENTSCHEIDEN: SIE WIRD ODER WERDEN GROSS ODER KLEIN GESCHRIEBEN SO STEHEN SIE VOR IHNEN IN IHRER SPRACHE BON DIA GOOD LUCK Man erkennt sofort, dass dieses Gedicht nichts falsch machen will. SIE, das kann das weibliche Personalpronomen dritte Person Singular, die höfliche Anrede oder das neutrale Pronomen der dritten Person Plural sein. In diesen feinen Netzen der Grammatik und der intertextuellen Bezüge hängen nun die Geschlechterfragen wie Girlanden, die nicht recht schlägeln wollen. Ein Gedicht, das ganz bestimmt nicht sexistisch, aber eben auch nur in Maßen sinnlich ist. „Fassadenlyrik“ hat einer bei Facebook geschrieben, klingt wie Asphaltlyrik. Aber das ist ungerecht. Denn das Gedicht ist ja nicht plump. Es ist ein Kompromiss. Aber gibt es eine Ästhetik des Kompromisses? Immerhin gibt es eine Kunst des Kompromisses. Ein Buchtitel dazu: Die Kunst des Kompromisses. Helmut Schmidt und die Große Koalition 1966 – 1969. Willy-Brandt-Biografien verkaufen sich bestimmt besser. Ein Kompromiss macht nie glücklich. Aber er ist manchmal notwendig. Unsere Gesellschaft braucht dringend Kompromisse. Sind sie geschlossen, könnten wir vielleicht toleranter sein gegenüber einer Kunst, die nicht im Traum daran denkt, Kompromisse zu machen.
Hegelplatz 1. Unter dieser Adresse können Sie den Freitag in Berlin erreichen – und ab sofort wir Sie. An dieser Stelle schreiben wöchentlich Michael Angele und Jakob Augstein im Wechsel. Worüber? Lesen Sie selbst

Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.

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