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Horizont | Kein Arzt weit und breit

Morgen werden die Emmys vergeben, zum 70. Mal schon. Stets hat das Genre der TV-Serie verlässlich den Zeitgeist abgebildet Noch vor wenigen Jahren war das wesentliche Element eines Fernsehabends die Wiederholung. Der typische Zuschauer setzte sich Abend für Abend vor die Glotze, um immer wieder dieselben Dinge zu schauen. Dementsprechend war auch fast jede Serie um das Prinzip der Wiederholung herum gebaut. In den Krimiserien wurde ein Fall pro Folge gelöst und in den Arztserien ein Patient geheilt. Kojak lutschte an seinem Lolli, Columbo meinte arglos, er hätte da noch eine Frage, und Captain Kirk wollte nach oben gebeamt werden. Es waren wohlige Zeiten, in denen Fernsehen fast ausschließlich als Gewohnheit galt und nicht als Kulturerlebnis oder gar Herausforderung. „Lehnen Sie sich zurück! Entspannen Sie sich!“, das konnte man erst neulich in Regina Schillings Fernsehdokumentation Kulenkampffs Schuhe den titelgebenden Moderator zu seinem Publikum sagen hören. Ein bisschen Langeweile musste sein. Für Teile des Programms mag das heute noch gelten; für das Genre der Serien, und das zeigen die Emmy-Nominierungen in diesem Jahr deutlich wie nie zuvor, ist es damit endgültig vorbei. So unterschiedlich etwa die sieben Nominierten der Kategorie Beste Drama-Serie in diesem Jahr sind (The Americans, The Crown, Game of Thrones, The Handmaid’s Tale, Stranger Things, This Is Us und Westworld), haben sie eines gemeinsam: Sie zu gucken, bedarf einer gewissen Anstrengung. Sei es, dass man über 60 Stunden Stoff nachholen muss (Game of Thrones) oder sich anhand von Reddit- und Recap-Lektüren in die komplexe Erzählstruktur einarbeiten sollte (Westworld) oder das echte Vergnügen erst beginnt, wenn man sich mit den historischen Ereignissen etwas auskennt (The Crown). Bei allen empfiehlt es sich, lückenlos und von Anfang an zu schauen. Denn wiederholt wird in fast allen Serien nur noch in Form von bedeutungsvollen Anspielungen. Wann kam das Neue? Wiederholungen waren auch lange Zeit das, was die Emmys von den Oscars unterschied. Statt jedes Jahr neue Titel aufzubieten, wurden immer wieder dieselben Serien nominiert. Die Dramaserie Law and Order hielt sich gar jahrzehntelang auf den Nominierten-Listen. Ganz so, als wolle auch der Berufsverband selbst, die „Academy of Television Arts and Sciences“, daran festhalten, dass die oberste Tugend des Fernsehens Gewohnheit und Ritual, die ewige Wiederkehr des Vertrauten sei. Diese Struktur der Wiederholungen, in die sich nur wie zwischendurch ein neuer Titel unter die „alten“ einschleicht, bis er ein, zwei Jahre später nicht mehr neu ist, macht es schwer, den Wechsel dingfest zu machen. Wann hat sich das Genre der Serie eigentlich so verändert? Oder waren es die Emmys, die etwa mit Twin Peaks und Buffy in den 90er Jahren oder The Wire in den nuller Jahren das Innovativste und Beste zu oft ignorierten? Springt man 40 Jahre zurück, zu den 30. Primetime Emmy Awards von 1978, stellt man fest, dass damals die Welt noch in Ordnung war. Auf der Liste der Nominierten standen Kandidaten, die noch in die 80er Jahre hinein auch das deutsche Fernsehen bestimmten. Da gab es den Detektiv Rockford, den Ermittler Columbo, den Gerichtsmediziner Quincy M.E., den Zeitungsmann Lou Grant und Eine amerikanische Familie. Banal und dennoch aussagekräftig erscheint die Beobachtung, dass keines dieser Dramen von einer Frauenfigur angeführt wird. Man kann diese Serien fast alle heute noch gucken und sogar mögen. Nur, dass man kaum mehr als zwei Folgen hintereinander davon aushält. Im Nachhinein ist es erstaunlich, wie lange sich die Dominanz der klassischen Männerberufsserie bei den Emmys gehalten hat. Klickt man sich weiter durch die jeweiligen Jahreslisten, findet man mit Hill Street Blues eine der Pionierserien des Quality TV, die bereits andere Akzente ins „Von-Fall-zu-Fall“-Erzählen setzte, und mit Cagney & Lacey bald auch ein von Frauen angeführtes Drama, das nicht nur vom Privatleben der Heldinnen handelte. Mit Magnum, dem Chefarzt Dr. Westphall und den Rechtsanwälten von L. A.: Law war man aber bis in die 90er Jahre hinein mit den bekannten Wiederholungsmustern versorgt. Noch 1998 gab es in der Reihe der Kandidaten (The Practice, ER, Law & Order, NYPD Blue, The X-Files) ausschließlich Ärzte, Rechtsanwälte und Ermittler – nun immerhin in Konstellation und Auftreten etwas „diversifizierter“ als noch ihre „straighten“ Entsprechungen Ende der 70er. Erst mit dem Zeitsprung zu 2003, den 55. Emmys, ergibt sich endlich ein neues Bild: Unter The West Wing, CSI, Six Feet Under, The Sopranos und 24 findet sich nur noch eine klassische Ermittlerserie. Mit Six Feet Under und den Sopranos hatte HBO da schon längst begonnen, die Dominanz der klassischen Sender aufzubrechen. 2008 aber haben scheinbar mit Boston Legal, Damages, Dexter, House, Lost, Mad Men die Rechtsanwälte, Ermittler und Ärzte wieder übernommen, immerhin in Gestalt von sperrigen Helden wie Hugh Lauries ungeselligem Dr. House oder dem Serienkiller tötenden Serienkiller und Spurensucher Dexter. Mit Mad Men und Lost stehen zwei Serien auf der Liste, deren Einfluss bis heute unmittelbar spürbar ist. Da wäre das inzwischen oft wiederholte und kaum je erreichte „Rätselbox“-Erzählen von Lost, in der Folge für Folge mehr Fragen aufgeworfen denn gelöst wurden (bis zum unbefriedigenden Ende hin). Und Mad Men, stilistisch gewissermaßen das Gegenteil davon: eine Serie mit Thema, aber ohne Plot, in der einer vergangenen Epoche nicht als Hintergrund nachgespürt wurde, sondern als Selbstzweck, mit fast wissenschaftlichem Interesse und einer geradezu romanhaften Qualität, in der feine psychologische Entwicklungen stets Vorrang vor „spannenden Wendungen“ hatten. Vor fünf Jahren, 2013 stieg mit Netflix und House of Cards dann erstmals ein Streaminganbieter in die Konkurrenz um den Emmy ein (in diesem Jahr, 2018, hat Netflix mit ingesamt 122 Nominierungen die 17-jährige Vorherrschaft von HBO beendet). Bemerkenswert an der damaligen Konkurrenz mit Breaking Bad, Downton Abbey, Game of Thrones, Homeland und Mad Men ist nicht nur die ausgesprochen bunte Mischung aus Fantasy-, Kostüm-, Gewalt- und Politik-Drama, sondern, dass mit Ausnahme von Breaking Bad alle Serien von Frauenfiguren wenn nicht gar angeführt werden wie Homeland, dann doch gleichberechtigt geprägt sind. Das gilt sogar für Game of Thrones, dem zwar zu Recht die Ausbeutung der weiblichen Körper als Sehanreiz vorgeworfen wurde, das dafür aber mit Heldinnen wie der „Mother of Dragons“ Daenerys, der bösen Königin Cersei und den Stark-Töchtern Sansa und Arya den weiblichen Rollenkatalog der Popkultur ungeheuer bereichert hat. Um nun zurück zum aktuellen Jahrgang zu kommen: The Americans, The Crown, Game of Thrones, The Handmaid’s Tale, Stranger Things, This Is Us und Westworld. Bis auf Stranger Things, der als 80er-Nostalgie-Serie eine gewisse Rückwärtsgewandtheit eingeschrieben ist, scheint sich ein fundamentaler Wandel durchgesetzt zu haben: weit und breit keine Rechtsanwälte, Ärzte und Ermittler, kein Fall der Woche mehr und, man vermisst sie fast schon, keine Rituale und kaum Wiederholung. Man sieht vor allem, wie unzureichend der Begriff des „horizontalen Erzählens“ ist, um die neuen Serienstrukturen zu beschreiben. The Americans etwa ist über sechs Staffeln hinweg der Entwicklung zweier fiktiver Personen in einem historisch verbürgten Kontext gefolgt. Die Geschichte der russischen „Schläferagenten“ handelte dabei weniger von den Zeiten des Kalten Kriegs, die die Serie dennoch punktgenau abbildete, sondern lotete die Themen Loyalität, Gewissen und Überzeugung in den verschiedenen Kontexten von Familie, Heimat und Freundschaft aus. Politik mit Untoten Die Netflix-Serie um Königin Elisabeth II. The Crown ist aus ganz ähnlichen Versatzstücken gebaut, nur dass sie anders gewichtet: die Ereignisse, die „Wendungen“ der Serie sind sämtlich historisch verbürgt, aber die Psychologie darin ist eine fiktive, durch Drehbuch und Schauspielinterpretation erfundene – und es ist dieses Spannungsverhältnis, das sowohl die Klatsch- als auch die Geschichtsinteressierten bei der Stange hält. Durch und durch erfunden, und das unter Hinzufügung von Zauber, Fantasy-Tieren und Untoten, ist dagegen Game of Thrones, das in Wahrheit aber das Label „Politserie“ mehr verdient als The Crown. Das Fantasy-Genre liefert den idealen Hintergrund, um Machtintrigen einmal nicht als Kammerspiel, sondern als Panorama der Zerstörungen zu zeigen und so die langen Schatten von Gewaltverbrechen sichtbar zu machen, in denen unberechenbare fundamentalistische Bewegungen entstehen können. Etwa solche, die in The Handmaid’s Tale an die Macht kommen, wo christliche Fundamentalisten auf dem Boden der USA eine überaus frauenfeindliche Diktatur errichten. Die Serie nach dem Roman von Margaret Atwood gilt als Favorit in diesem Jahr, trotz vielfach negativer Kritiken für die zweite Staffel. Aber keine andere Serie scheint gegenwärtig so eng mit dem Zeitgeist verbunden. Und tatsächlich, am packendsten sind die Szenen aus Handmaid’s Tale, die die Zeit unmittelbar vor der Diktatur zeigen, als alle noch glauben, dass „das“, mithin die zahlreicher werdenden Repressalien eines neuen Regimes, bald wieder vorübergehen werde.Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.

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