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Kino | Etwas frisst uns auf

Nichts ist gut in Eva Trobischs „Alles ist gut“. Nach einer Vergewaltigung kommt nicht nur das Leben der Heldin ins Rutschen Der Moment, in dem sich alles entlädt, hat fast schon etwas Lächerliches. Er lässt sich weder im Denken von Janne (Aenne Schwarz) noch in ihrem Empfinden mit der Entschlossenheit und der Gewalttätigkeit zusammenbringen, die ihm vorausgegangen sind. Nichts in dieser Nacht passt zusammen. Die ausgelassenen Stunden während ihres Klassentreffens und die endlosen Minuten des sexuellen Übergriffs, der ihnen folgt, stehen ebenso im Widerspruch zueinander wie das sympathische Auftreten von Martin (Hans Löw) zuvor und sein brutales Verhalten danach, als sie gemeinsam im Haus von Jannes Kindheit angekommen sind. Auch ihre eigenen Gefühle und Reaktionen lassen sich kaum miteinander vereinbaren. Zunächst setzt sie noch alles daran, Martin abzuwehren. Als er sie dann körperlich überwältigt und damit die Kraft- wie auch die Machtverhältnisse zwischen ihnen etabliert hat, lässt sie die Vergewaltigung über sich ergehen. Statt sich ihm als Opfer zu präsentieren und ihm so einen zusätzlichen Triumph zu gönnen, schlüpft sie in die Rolle der Verächtlichen, deren Passivität auch ein Zeichen von Überlegenheit ist: Du hast meinen Körper niedergerungen, aber mich kannst du weder brechen noch bezwingen. Als Martin schon nach wenigen rohen Stößen zum Höhepunkt kommt, scheint ein spöttisches Lächeln Jannes Lippen zu umspielen: Dafür also diese Anstrengung, diese Gewalt. Aus dem bedrohlichen Angreifer wird ein erbärmlicher Wicht, der von Schuldgefühlen und Scham überwältigt das Weite sucht. Die Vergewaltigung markiert einen Bruch in Eva Trobischs Spielfilmdebüt Alles ist gut, aber nicht unbedingt auf die Art, die erwartbar wäre. Erstmals erzählt die Filmemacherin eine Szene aus. Zuvor hat sie einfach Bruchstücke aus Jannes ins Trudeln geratenem Leben aneinandergereiht. Aus eher assoziativ verbundenen Splittern setzt sich das Bild einer Frau Anfang 30 zusammen, die beruflich gerade einen herben Rückschlag erlitten hat. Der kleine Verlag, den sie zusammen mit ihrem Freund Piet (Andreas Döhler) und einem Schriftsteller gegründet hatte, befindet sich im Insolvenzverfahren. Piet will unbedingt aus München raus und in die niederbayrische Provinz ziehen, um dort ein Haus, das er geerbt hat, zu renovieren. Schon in diesen kurzen, schlagartigen Szenen deutet sich Jannes Drang nach Unabhängigkeit ebenso wie eine tief in ihr sitzende Unsicherheit an. Sie will ihr Leben selbst bestimmen und muss doch immer wieder feststellen, dass ihr andere Grenzen setzen. Diese Erfahrung erreicht ihren Kulminationspunkt im Augenblick der Vergewaltigung. All die Emotionen, die die von Aenne Schwarz gespielte Janne in den Minuten vor und während des Angriffs durchlebt, verfestigen die Widersprüche in ihr. Fortan will sie allein bestimmen, wie es weitergeht. Also ignoriert sie das Geschehene und geht zur Tagesordnung über. Für einige beschämende Momente hat ihr Martin die Macht über ihren Körper genommen. Dafür holt sie sich die Macht über ihr Leben zurück. Gegen den Willen von Piet, der sich an den Verlag klammert und zugleich vom Leben jenseits der Metropolen träumt, nimmt Janne einen Job in einem Sachbuch-Verlag an, den ihr Robert (Tilo Nest), ein väterlicher Freund aus ihren Jugendtagen, angeboten hat. Nur liegt in diesem Neuanfang, der auch eine Selbstermächtigung sein soll, schon der Keim seines Scheiterns. In ihrer Vorstellung ist sie mit sich im Reinen, aber ihr Körper und ihre Psyche haben eine eigene Art, mit dem Erlebten umzugehen. Als sie dann ausgerechnet Martin bei der neuen Stelle im Verlag wiederbegegnet und erfährt, dass er auch dort arbeitet, entgleitet ihr mehr und mehr die Kontrolle über ihr Leben. Das Drehbuch zu ihrem Debüt hat Eva Trobisch schon lange vor dem Beginn der #MeToo-Bewegung geschrieben. Und gerade das verleiht Alles ist gut eine enorme Dringlichkeit und Intensität. Jannes Geschichte wirft nicht nur einen sehr präzisen und erschütternden Blick auf die Auswirkungen einer Vergewaltigung, die immer Macht über das Leben des Opfers wie des Täters gewinnen. Sie erzählt zugleich von einer anderen Haltung gegenüber sexueller Gewalt. Kopf ohne Körper Janne scheitert nicht etwa daran, dass sie niemandem von dem berichten kann, was sie erlebt hat. Sie trifft vielmehr die bewusste Entscheidung, dass der Vorfall ihr weiteres Leben auf keinen Fall definieren soll. Sie will kein Opfer sein. Aber die Stärke, die sie direkt im Anschluss an die Vergewaltigung zeigt, bekommt bald schon Risse. In Aenne Schwarz’ Spiel driften Kopf und Körper, Verstand und Psyche nach und nach auseinander. Im einen Moment porträtiert sie eben die autonome und kompromisslose Frau, als die sich Janne sieht. Im nächsten verliert diese dann die Kontrolle über ihren Körper und beginnt, in sich zusammenzubrechen. Aus diesem ständigen Ringen erwächst eine körperliche Wucht, die über die Leinwand hinauswirkt. Jannes widerstreitende Gefühle ergreifen unausweichlich Besitz vom Zuschauer oder von der Zuschauerin selbst und bringen sie in eine Situation, in der auch die üblichen Täter- und Opfer-Zuschreibungen nur noch bedingt funktionieren. Eva Trobisch blickt zwar ausschließlich mit den Augen ihrer Protagonistin auf Martin und die anderen Männer. Aber das ist ein Blick, in dem sich Erschütterung und Verständnis gleichermaßen finden. Martin, Piet und Robert – sie alle schützen auf unterschiedliche Weise Stärke vor und sind doch ebenso unsicher und verloren wie Janne. Ohne Martins Tat im Geringsten zu relativieren oder gar zu entschuldigen, zeigt Eva Trobisch mit seiner Figur einen Mann, der selber am wenigsten begreift, wie er so weit gehen konnte. Auch in Hans Löws Körper hat sich nach dem Verbrechen etwas festgesetzt, das ein zerstörerisches Eigenleben entwickelt. Die Gewalt, die sich für einen verhängnisvollen Moment Bahn gebrochen hat, zersetzt die Menschen und wird zugleich kenntlich als Teil einer gesellschaftlichen Ordnung, die sich von innen heraus auffrisst. In diesem Befund ähnelt Alles ist gut Paul Verhoevens polarisierender, weil zugleich auch sarkastischer Rachefantasie Elle von 2016 mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle. Zusammen bilden sie das Porträt einer Welt, in der sexuelle und ökonomische Gewalt Hand in Hand gehen.
Info
Alles ist gut, Eva Trobisch, Deutschland 2018, 93 Min.

Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.

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