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Kohle | Sie werden weggebaggert

Verschiedene Welten, aber ein Ziel: In Sachsen hat ein ganzes Dorf tagelang mit Klimaaktivisten gegen den Tagebau protestiert Morgen ist das Dorffest, auf das wir uns alle schon freuen. Ich will dazu sagen, dass es Bratwurst und Ponyreiten geben wird.“ Vereinzeltes Lachen, allgemeines Gemurmel. „Aber natürlich auch vegane Crêpes, Kuchen und Eis“, fügt die Moderatorin im großen Zelt auf dem Klimacamp hinzu. Vegane Tierschützer treffen auf Dorfbewohner: ein gemeinsames Ziel, doch unterschiedlichste Lebenswirklichkeiten. Zwei Wochen lang campen Klimaaktivisten in einem fast vollständig verlassenen Ort in Sachsen: Pödelwitz. Um hierherzukommen, führt die Straße durch industriell geprägte Landschaften, man umfährt einen Braunkohletagebau und muss sich auf das Navi verlassen, denn auf Straßenschildern entdeckt man Pödelwitz erst kurz vor dem Ortseingang. Im Ort wird deutlich, wer daran Interesse haben könnte, dass das Sackgassendorf nicht allzu oft gefunden wird. Die Mitteldeutsche Braunkohlegesellschaft (Mibrag) hat hier reichlich Schilder anbringen lassen. „Privatgelände“ liest man an 30 von insgesamt 40 Häusern im kleinen Pödelwitz. Viele Häuser stehen leer, einige zerfallen bereits, haben eingeworfene Fenster. Andere sind neuer und gepflegt, wirken durch die heruntergelassenen Rollläden aber ebenso verwaist. Nur an wenigen hängen Plakate mit Aufschriften wie „Kohle: Klimakiller“. Diese Häuser sind noch bewohnt. Es sind diese Pödelwitzer selbst, die das Klimacamp und die sonst in der Nähe von Köln stattfindende Sommerschule zum Thema Postwachstum Anfang August in den Ort eingeladen haben. Einer von ihnen ist Thilo Kraneis. Der 51-jährige Schlosser lebt seit 1982 in Pödelwitz. Er zog mit seiner Familie in den Ort, nachdem sein Heimatdorf Droßdorf dem Braunkohletagebau Schleenhain weichen musste. Gegen den erneuten Heimatverlust wehrt sich Kraneis und gründet 2013 mit weiteren Bewohnern die Bürgerinitiative „Pro Pödelwitz.“ Auch wenn derzeit nur noch 27 Menschen im Dorf leben, ist er entschlossen, um den 700 Jahre alten Ort zu kämpfen. „Zumal es rechtlich immer noch keine Entscheidung dafür gibt, dass Pödelwitz weggebaggert wird“, sagt Kraneis. Den notwendigen Antrag beim Oberbergamt hat die Mibrag noch nicht gestellt. Die Pödelwitzer sind jedoch vorbereitet und haben sich rechtlichen Beistand organisiert. Der Schock der Verdrängung Die Verwurzelung des zweifachen Familienvaters in der Region wird bei einem Spaziergang durch das Dorf deutlich. Kraneis hebt alle paar Minuten die Hand zum Gruß. Man kennt ihn hier, für die Menschen im Klimacamp ist er wichtiger Ansprechpartner, und für die Dorfbewohner einer, der etwas ins Rollen gebracht hat. Das Mitteldeutsche Braunkohlerevier bei Leipzig ist das kleinste der drei Braunkohlegebiete in Deutschland. Während in der Brandenburger Lausitz, dem zweitgrößten Braunkohlestandort, jährlich 60 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert werden, fördert die Mibrag in den zwei Tagebauen in Sachsen-Anhalt und Sachsen 18 Millionen Tonnen Braunkohle im Jahr. Thilo Kraneis erinnert sich noch genau an den Anfang vom geplanten Ende von Pödelwitz: „Das ganze Dilemma ist 2009 losgegangen. Da hat die Mibrag uns informiert, dass der Tagebau Vereinigtes Schleenhain in den Tagebau Peres übersetzt und in Pödelwitz mit mehr Staub und Lärm zu rechnen ist.“ Zu diesem Zeitpunkt lebten 120 Menschen in dem Ort, zehn Häuser wurden nach der Wende neu gebaut. Besonders die Zugezogenen seien geschockt gewesen, sagt Kraneis. Er hingegen hätte immer damit gerechnet, dass der Tagebau in der Zukunft näher rücken würde. Die Familie kenne diese Prozesse, seine Frau komme ursprünglich aus Heuersdorf, ebenfalls ein Ort, der dem Tagebau weichen musste. Doch mit den Orten, in denen er aufgewachsen ist, zur Schule gegangen ist und geheiratet hat, seien genug mit Erinnerungen behaftete Plätze verloren gegangen. „Es reicht jetzt.“ Verwundert habe den Pödelwitzer, wie schnell bei den Diskussionen über Lärmmessungen mit den Dorfbewohnern von der Mibrag der Vorschlag kam: „Wenn es euch nicht passt, dann zieht doch aus.“ Ein Konzept dafür lieferte das Unternehmen binnen weniger Tage frei Haus: Die unzufriedenen Menschen in Pödelwitz könnten zu den Bedingungen verkaufen wie im Jahr 2008 die Heuersdorfer, die Verträge lägen schon vor. In einer Bürgerbefragung der Mibrag zeigten sich 52 Prozent der damaligen 100 Grundstückseigentümer überzeugt von den Entschädigungssummen für die Aufgabe ihrer Grundstücke. Nur 17 Prozent gaben an, dass sie bleiben wollten, der Rest war unentschieden. Ein positives Ergebnis für die freiwillige Umsiedlung des Dorfes, fand das Unternehmen. Die sächsische Landesregierung nahm Pödelwitz als Vorbehaltsgebiet in den Braunkohleplan auf. Die Mibrag spricht von einem „dreijährigen umfassenden Dialog“ mit den Bewohnern. Kraneis aber meint, dass die Unentschlossenen in den Bürgerversammlungen „mürbe gemacht“ wurden. „Bei vielen entstand der Eindruck, dass wir sowieso keine Chance haben.“ Die Stadt Groitzsch, zu der Pödelwitz gehört, stimmte 2012 dem Umsiedlungsvertrag der Mibrag zu. Thilo Kraneis arbeitete bis dahin für die Mibrag als Schlosser. Ende 2012 konnte er seine Sorge um Pödelwitz und die Arbeit für die Braunkohlefirma nicht mehr miteinander vereinen: „Ich habe angerufen und gesagt: Das geht nicht gegen die Mitarbeiter. Aber ich kann nicht für ein Unternehmen arbeiten, dessen Chefs mein Dorf wegbaggern wollen.“ Attraktiv ist Pödelwitz für das Braunkohleunternehmen, weil unter dem Ort „zirka 23 Millionen Tonnen Braunkohle lagern“, so Sylvia Werner, Pressesprecherin der Mibrag. Dieser Kohlevorrat könnte das sechs Kilometer entfernte Kraftwerk Lippendorf für zwei weitere Jahre versorgen: „Die hohe Auslastung des Kraftwerks hat in der Vergangenheit zu einem Mehrbedarf an Kohle geführt als die ursprünglich angenommenen zehn Millionen Tonnen pro Jahr.“ Jens Hausner, Mitgründer von „Pro Pödelwitz“, kritisiert die aus seiner Perspektive „abwegige Planung“ der Mibrag im Hinblick auf die politisch entschiedene Energiewende: „Den Tagebau zu erweitern, ist aus klimapolitischer Sicht vollkommen aus der Zeit gefallen. Dieser Tagebau hat jetzt schon eine genehmigte Laufzeit bis 2040. Selbst ein Großteil der bereits zum Abbau genehmigten Braunkohle muss im Boden bleiben, um beim Klimaschutz nicht komplett zu scheitern.“ Politisch ist der Kohleausstieg jedoch vertagt. Erst Ende des Jahres soll die von der Bundesregierung eingesetzte Kohlekommission eine Empfehlung für einen Ausstiegsplan vorlegen. Während Anwohner und Akteure aus der Lausitz und dem Rheinland in der Kommission mitdiskutieren, sind Betroffene des Mitteldeutsche Braunkohlereviers personell nicht direkt vertreten. Volksküche und Coca-Cola Massenaktionen des zivilen Ungehorsams mit Besetzung der Tagebaugruben, wie sie im Rahmen von „Ende Gelände“ seit 2015 im Rheinland und in der Lausitz stattfinden, gibt es im ersten Klimacamp im Leipziger Land nicht. Das ist von den Dorfbewohnern nicht gewünscht. Stattdessen diskutieren die Teilnehmer in der Sommerschule: über Postwachstumsperspektiven (Degrowth), Machtstrukturen von Konzernen, solidarische Wirtschaftsmodelle und den Klimawandel. In Aktionstrainings üben sie für größere Besetzungen, etwa für die im Herbst geplanten Proteste im Hambacher Forst in Nordrhein-Westfalen. Im Leipziger Land gibt es am Abschlusswochenende kleinere Blockaden und Mahnwachen vor dem Mibrag-Gelände. Die Bewohner bleiben mit ihrem Protest im Dorf. Sie feiern einen Umweltgottesdienst samt Konzert in ihrer im 13. Jahrhundert errichteten Pödelwitzer Kirche. Die Unterstützung vom Klimacamp ist willkommen und „die Zusammenarbeit mit der Bürgerinitiative hervorragend“, sagt Josephine Lauterbach vom Presseteam des Klimacamps. Das Dorffest zeigt aber, dass für das gemeinsame Ziel Lebenswirklichkeiten kollidieren. Während im Klimacamp die Volksküche „Fläming Kitchen“ vegan und mit geretteten Lebensmitteln kocht, gibt es auf dem Dorffest Bratwurst und Coca-Cola. Die für das Ponyreiten organisierten Pferde stehen die meiste Zeit gemütlich in der Dorfmitte und werden gestreichelt, nicht geritten. Mit einem Stand vor dem Mibrag-Betriebsgelände zeigt sich auch die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) gesprächsbereit. Einige Anwohner finden das Klimacamp kurios: „Was wollt ihr nu alle hier?“, fragt ein Mann Anfang sechzig eine Aktivistin. Er ist mit dem Fahrrad aus dem Nachbarort Großstolpen gekommen. Skeptisch beäugt er die selbst gebauten Duschen und Kompostklos auf dem Dorfplatz. Die junge Frau startet einen kompakten Impulsvortrag über Klimagerechtigkeit, den Braunkohleausstieg und Degrowth. „Aha, so, so“, antwortet der Mann. Er nickt ihr zu und schlendert weiter. Das ist kein Dorffest, wie er es kennt. Gefeiert wurde in Pödelwitz früher viel, erzählt Thilo Kraneis, mit reichlich Bier und Tanz. In der Nachbarschaft hätte es einen guten Zusammenhalt gegeben. Doch die Pläne der Mibrag veränderten die Stimmung. Plötzlich gab es die, die freiwillig wegziehen wollten, und die, die an ihrem Ort hingen. Man mied sich, gegrüßt wurde nur noch sporadisch. Inzwischen gibt es nur noch die Übriggebliebenen – und für zwei Wochen 800 Teilnehmer des Klimacamps. Anfangs war Kraneis skeptisch. Seine Familie schätze an ihrem Zuhause die „himmlische Ruhe“ – jenseits der Baggergeräusche aus dem Tagebau. Jetzt laufen überall Menschen durch den Ort, sitzen auf den Wiesen, machen Musik und hängen Banner auf. „Es ist ungewohnt und es ist nicht jedermanns Sache“, sagt Kraneis. „Ich konnte mir nicht vorstellen, wie das klappen kann, ein Camp, mitten im Dorf, und wie wir die ganze Arbeit zusätzlich zu unseren familiären Sachen und Jobs schaffen sollen.“ Doch die Solidarität, die ihre Bürgerinitiative gegen die Abbaggerung erfährt, überzeugt ihn. Kraneis begrüßt die Menschen in seinem Pödelwitz sichtlich begeistert: „Ihr habt meinen vollen Respekt, dass ihr hier zeltet. Ich liege ja zu Hause schön im gemütlichen Bett. Danke, dass ihr uns unterstützt.“ Das Klimacamp jubelt zurück. Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.

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