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Mackie Messer | Mach mal meta

Joachim A. Lang verfilmt Brechts „Dreigroschenoper“ und den Prozess um die Leinwandadaption von 1931 Sich in seinem Leinwanddebüt einem der größten deutschen Dramatiker und dessen einflussreichstem und bereits mehrfach verfilmtem Bühnenwerk zu widmen: Das ist mutig! Für einigermaßen entspannte Nerven dürfte bei Joachim A. Lang seine umfangreiche Brecht-Sozialisation gesorgt haben. Der Regisseur, der auch als Autor und Journalist tätig ist, hat sich bereits in seiner Magister- und Doktorarbeit mit Brecht auseinandergesetzt und unter anderem ein Porträt und die fünfteilige Dokumentation Denken heißt verändern über den Literaten verantwortet. Eine Menge Holz, ohne Frage, und das merkt man Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm in jeder Filmsekunde an. Als ambitionierter Regisseur inszeniert Lang, der auch das Drehbuch geschrieben hat, nämlich nicht einfach die Dreigroschenoper, Brechts berühmtes „Stück mit Musik in einem Vorspiel und acht Bildern“, neu, sondern er erzählt gleichzeitig davon, wie der geplante Dreigroschenopernfilm entstand, beziehungsweise wie er nicht entstand. Zumindest nicht wie von Brecht gedacht. Einen Großteil der Rahmenhandlung von Mackie Messer bilden die Gespräche zwischen Brecht (Lars Eidinger) und dem Filmproduzenten Seymour Nebenzahl (Godehard Giese). Nach der überraschend erfolgreichen Uraufführung am 31. August 1928 in Berlin, mit der der Film einsetzt, will man das Bühnenstück fürs Kino adaptieren. Grundlage soll ein Drehbuch von Brecht sein, die Musik für die Filmversion soll wieder Kurt Weill (Robert Stadlober) beisteuern. Da der Produzent sich nicht auf Brechts Ideen einlassen will, schmeißt man den Dramatiker kurzerhand raus. Der Film wird unter der Regie von Georg Wilhelm Pabst im Alleingang produziert (und kam als Die Dreigroschenoper 1931 in die Kinos). Brecht und Weill gehen vor Gericht, um ein Aufführungsverbot zu erwirken, scheitern aber. Die Ereignisse rund um den Prozess hat Brecht selbst unter dem Titel Der Dreigroschenprozess. Ein soziologisches Experiment mitsamt dem nicht verfilmten Filmexposé verschriftlicht. Ein für Lang wesentliches Dokument für die Umsetzung seines Anliegens, das er zu Beginn seines Films so formuliert: „Der Film erzählt die Geschichte eines nie gemachten Films und gibt den Künstlern eine Stimme.“ Kunstvoll verwebt Lang in Mackie Messer die Erzählebenen: Während Brecht dem Produzenten seine Ideen präsentiert, entsteht der geplante Film unmittelbar aus seiner Erzählung heraus, nimmt die bekannte Geschichte vom Kampf des Gangsters Macheath (Tobias Moretti) gegen den Kopf der Bettelmafia, Peachum (Joachim Król), Gestalt an. Die Grenzen zwischen der Rahmenhandlung und dem Film im Film sind dabei fließend. In einem Moment sitzen Brecht und Nebenzahl im Büro des Produzenten, um im nächsten in der Szene zu stehen, von der der Dramatiker gerade erzählt. Die Annäherung von Macheath und Polly (Hannah Herzsprung) in einem Boot auf der Themse etwa beobachten und diskutieren die beiden auf einer Brücke stehend. Dass Brecht sich nach dem Liebeslied Siehst du den Mond über Soho einen zweiten Mond herbeiwünscht, der dann prompt neben der ohnehin mächtigen Scheibe am Himmel erscheint, ist eine von vielen Ideen, die dem Produzenten überhaupt nicht gefallen. Brecht und der Produzent stehen hier ikonografisch für die Dichotomie zwischen Kunst und Kommerz. Wenn Brecht erklärt, „Seht ihr, der Film braucht die Kunst!“, um damit sein Vorhaben zu untermauern, die Verfilmung von seiner Bühnenfassung zu emanzipieren, rekurriert das auf das zunächst komplizierte Verhältnis von Theater und Film. Letzterer ist in seinen Kinderschuhen für viele Intellektuelle nämlich so etwas wie ein ungewollter Schwiegersohn: Wie kann etwas Kunst sein, das nicht mehr leistet, als die tradierte hohe Bühnenkunst zu imitieren – und das im Dienste der Unterhaltungsindustrie?! Logo, einer knallt an die Linse Jedes neue künstlerische Medium muss eine Feuertaufe bestehen und seine eigene Sprache finden. So auch der Film, der vielen Kritikern zum Trotz schnell mehr ist als abgefilmtes Theater und rein ökonomisches Produkt. Brecht erkennt die künstlerischen Qualitäten des Films, die in den 1920er und 1930er Jahren von Publizisten wie etwa Rudolf Arnheim und Béla Balázs in Essays und theoretischen Abhandlungen beschrieben werden. Eingebettet in diesen historischen Kontext macht Lang in seinem opulent ausgestatteten Film die Imaginationskraft des Kinos zum Gegenstand seiner Erzählung. Eingebunden in die Rahmenhandlung in Berlin am Ende der Golden Twenties, in der die Arbeiteraufstände vom 1. Mai 1929 ebenso anklingen wie der grassierende Nationalsozialismus, entwickeln sich einzelne Szenen des im Entstehen begriffenen Films. Das bekannte Personal der Dreigroschenoper versammelt sich in einem kulissenhaften London, inklusive Gesangs- und Tanzeinlagen zu Weills Vertonungen. Natürlich fehlt auch Mackie Messers Moritat nicht: „Und der Haifisch, der hat Zähne und die trägt er im Gesicht“; das geht auch 90 Jahre nach dem Bühnenjubiläum noch unter die Haut. Der illustre Cast um die glänzenden Moretti, Król und Herzsprung hat sichtlich Spaß an dem Spektakel mit doppeltem Boden. Viele große Themen des Dramatikers ziehen sich durch den Film. Hier wird jede vierte Wand, die Brecht mit seinem epischen Theater durchbrochen wissen wollte, buchstäblich eingerissen. Einmal knallt da jemand gegen die Kameralinse, und natürlich spricht Eidinger alias Brecht den Zuschauer zwischendurch direkt an. Lang zelebriert die Gemachtheit seines Metafilms und diskutiert, ganz im Geiste des gesellschaftskritischen Künstlers, die Tücken des Raubtierkapitalismus. Letzteres schließlich mit direktem Bezug in die Jetztzeit, wenn die Gangster als Banker Absolution erfahren. „Wir brauchen Männer, die über den Parteien stehen, Geschäftsmänner, so wie wir“, erklärt Schlitzohr Macheath in einem sterilen, futuristischen Setting. „Contenance!“, möchte man dem Regisseur gelegentlich zurufen, wenn seine knallbunte Gemischtes-Tüte überzulaufen droht. Am fragwürdigsten erscheint die Idee, Lars Eidinger ausschließlich Sätze des Dramatikers rezitieren zu lassen. Jedes Wort, das der Schauspieler mit dickrandiger Stahlbrille auf der Nase und Zigarrenstummel im Mund in immer gleicher Intonation spricht, stammt aus Leben und Werk von Brecht. Auch wenn Lang dem Künstler so buchstäblich Wort für Wort dessen eigene Stimme gibt, macht er Eidinger dadurch für einen schnell verpuffenden Verfremdungseffekt zu einem schematischen Abziehbild. Subtil ist in Mackie Messer eben nichts, aber Brechts Devise lautete ja schließlich, dass die Kunst den Mensch bewegen solle. Und das gelingt Lang ganz sicher. Mit überbordender Fabulierfreude diskutiert er Fragen zum Verhältnis von Kunst, Künstlichkeit und Gesellschaft und katapultiert den Brecht’schen Spirit auf die Leinwand.
Info
Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm Joachim A. Lang Deutschland 2018, 130 Min.

Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.

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