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Medien | Keine Alternative

Es ist aus für die amerikanische Wochenzeitung „The Village Voice“. Ihr Ende ist kein Schrecken Als The Village Voice letztes Jahr ihre Druckausgabe einstellte, trug das Titelblatt ein Foto vom jungen Bob Dylan. Es war ein Tribut an eine Ära, in der die Voice im Zentrum der Gegenkultur stand, und eine Diagnose der Nostalgie, die jetzt zum Ende der Zeitschrift geführt hat. Denn die Probleme, die dazu geführt haben, dass Peter Barbey, der milliardenschwere Besitzer der Zeitung, am Freitag das Ende der Redaktion verkündete, waren lange nicht nur die üblichen Probleme, die den Journalismus weltweit bedrohen. Klar litt die Zeitung unter dem Verlust von Kleinanzeigen an die Internetkonzerne. Vielmehr aber litt das ehemalige Streitmedium an einem Verlust von Relevanz. Als sie 1955 von Ed Fancher, Dan Wolf und Norman Mailer gegründet wurde, war die Zeitung eine Alternative zu den vorherrschenden Medien. Hier sammelten sich Meinungen und Perspektiven, die anderswo nicht anzubringen waren. So berichteten Robert Christgau und J. Hoberman über die neuesten Entwicklungen in Kunst und Film, während Nat Hentoff über Jazz schrieb. Langfristig erregte solches Schreiben Aufsehen – und brachte auch mehr Qualitätsjournalismus, unter anderem den Enthüllungsjournalismus von Theresa Carpenter und die Karikaturen von Jules Feiffer, beide mit Pulitzer-Preisen ausgezeichnet. New York hat sich seither bekanntermaßen verändert. Nun stellt sich die Frage, ob eine Zeitschrift mit Sitz in einem Stadtteil, in dem eine „günstige“ Einzimmerwohnung weit über eine Million Dollar kostet, eigentlich noch im Dienste der Gegenkultur schreiben kann? Wie soll eine Wochenzeitung, die über die letzten Jahrzehnte unter anderem Rupert Murdoch und dem Tierfuttermagnaten Leonard Stern gehörte, noch alternativ bleiben? Wer in letzter Zeit auf der Webseite war, fand eine Sammlung berechenbar linker Streitschriften, und wenn man vom selbstzufriedenen Nicken müde geworden war, konnte man sich noch einige Restaurantempfehlungen abholen. Bis zuletzt gab es hin und wieder Ausnahmen, insbesondere R. C. Bakers Schreiben über Kunst. Aber die Vorstellung, dass The Voice eine Alternative sein könnte, ist schon vor langer Zeit lächerlich geworden. Wie soll eine Zeitung eine Alternative anbieten, wenn sie genau dort herkommt, wo auch alle anderen Zeitungen herkommen, wenn sie sich für genau die gleichen Themen interessiert, wenn sie genau die gleichen Meinungen vertritt, Serien empfiehlt und Filme rezensiert? Sollte jemand The Village Voice vermissen, kann er in Zukunft einfach The New Republic lesen. Oder The Nation. Oder The New Inquiry. Will man es einen Tick spießiger haben, liest man den New Yorker. Ein bisschen radikaler? Denn greift man zu Mother Jones. Die amerikanischen Kommentatoren sitzen jetzt in ihren New Yorker Brownstones und beklagen das Ende einer reichen Tradition auf Twitter. Sollten sie aber nicht. Wie so vieles, was die ’68er mit so viel Nostalgie bewundern, ist The Voice schon vor Jahrzehnten ausverkauft worden. The Village Voice wurde nicht umgebracht. Sie wurde eingeschläfert, wie ein Schoßhund, dessen Leiden nicht mehr zu ertragen ist.
Peter Kuras ist in Michigan aufgewachsen. Er war einmal Fan der Village Voice

Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.

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