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Momente | Mit unscharf, bitte

Loredana Nemes’ „GierAngstLiebe“ in der Berlinischen Galerie und Libuše Jarcovjáková im Tschechischen Zentrum Sie hat diesen seelenerkundenden Blick auf die Spezies Mann, das macht Loredana Nemes’ Bilder gerade in diesen „All men are trash“-Hashtag-Zeiten vielleicht besonders sehenswert. Nemes’ Perspektive ist eine sensibel interessierte, empathische, fast so, als würde sie vor dem Auslösen der Kamera noch einmal mit Rücksicht auf ihre Protagonisten überlegen, ob das Bild am Ende nicht zu viel Seelenleben freilegt, zu viel für den Fotografierten. Nadelstreifen heißt eine ihrer Serien aus dem Jahr 2016, die Frankfurter Banker zeigt. Auf kuriose Weise umhüllt von ihrer Anzugjacke, deren Stoff von innen nach außen gekehrt wurde. So wie der Stoff umgedreht wird, zeigen auch die abgebildeten Personen eine neue, unbekannte Seite. Nemes möchte mehr zeigen, als eine Fotografie üblicherweise zeigt. Sei es mit Neugier oder Anteilnahme – stets befragt ein Porträt von Nemes auch das Leben an sich. Fragt nach den Spuren, die sich in das Gesicht der Gezeigten eingeschrieben haben. Der Titel der Ausstellung GierAngstLiebe bekommt da eine feine Mehrdeutigkeit. Für eine zwischen 2006 und 2008 entstandene Serie mit dem Titel Über Liebe befragte Nemes Männer auf der Straße. Entstanden sind Wortbilder aus den Begegnungen mit fremden Männern, die jeweils durch ein gemeinsames Paar-Foto von Nemes selbst – in ihrem eigenen Brautkleid – mit den verschiedenen Männern komplettiert wurden. Auch die zwischen 2008 und 2010 fotografierte Serie beyond nimmt Männer in den Blick. Türkische Männer, die sie in Teestuben in Kreuzberg, Neukölln oder in Wedding durch die Fenster fotografiert hat. Nemes fotografierte durch Vorhänge, Milchglasscheiben und mit Klebefolie verdunkelte Fenster. Zu sehen sind Männer, die ihre Individualität durch die Unschärfe verloren haben. Sie fotografiere, erklärt sie für den gleichnamigen Bildband, „ihre Außenmembran, die uns die Innenwelt nur schemenhaft andeutet und die Trennung zwischen den Welten visualisiert“. Nemes, 1972 geboren, studierte zunächst Mathematik und Germanistik. Im Jahr 2001 zog sie von Aachen nach Berlin, um als freie Fotografin zu arbeiten. Ihr Werk hat auf den ersten Blick einen sehr klassischen Zug. Die Porträts umkreisen immer wieder Themen wie Identität und Persönlichkeit. Die Arbeiten mäandern zwischen Schärfe und Unschärfe – wissend, dass gerade zwischen diesen offenen Grenzen oft erst wirklich etwas zu sehen ist. Grenzen sind ohnehin ein Thema für Nemes. Die Fotografin wandert auch topografisch. Geboren wurde sie in Sibiu in Rumänien, ihre Kindheit verbrachte sie in Iran. Sibiu ist mein Glück In beautiful näherte sich Nemes dem Ort Sibiu. Dem Ort ihrer Kindheit. „Das fluchtartige Verlassen meiner Heimat hat mein Leben gespalten, meine Wurzeln gekappt“, sagt Nemes, die im Alter von 13 Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland geflohen ist. „Ich sehe es mittlerweile als Reichtum, von zwei Kulturen beeinflusst worden zu sein und zwei Lebensabschnitte gehabt zu haben, die mich geformt haben. Aber der Verlust war und ist nach wie vor groß.“„Sibiu ist Stadt und Land und Fluss … ist meins und Glück“, erklärt sie in dem bei Hatje Cantz erschienenen Fotoband. Zwischen 2002 und 2013 sind diese Bilder entstanden – Bilder, aus der Kindheitsperspektive fotografiert, welche das Alltägliche poetisieren. Ganz in der Tradition einer „Photographie humaniste“, die den Menschen über alles stellt. Ihren Protagonisten begegnet sie mit Optimismus, Zuneigung, mit großer Empathie. Im Alltag, im Zwischenmenschlichen, das wussten schon französische Fotografen wie Robert Doisneau, steckt das ganze Leben. Und das ist es, diese Echtheit des Lebens, was auch am Werk von Loredana Nemes fasziniert. Ihre zumeist analog und im Großformat entstehenden Bilder sind stets: Versuche einer Annäherung. Versuche, Fremdheit zu überwinden. Die Ausstellung in Berlin präsentiert auch ganz neue Arbeiten aus den letzten drei Jahren. Wie etwa jene der Serie 23197: malerisch-verschwommene, abstrakte Farbbilder von angsteinflößenden Lkw-Fronten. Oder Gier, ein grafisch anmutender Zyklus, der Möwen auf der wilden, dramatischen Jagd nach Futter im schwarzen Wasser zeigt. Elegant und brutal (und auch sehr schön) sind diese fotografischen Momente. Ocna. Eine Annäherung heißt eine weitere Fotoreihe, die männliche Körperfragmente aus einer schwarzen Flüssigkeit auftauchen lässt. Sezierend und poetisierend im selben Moment. Blütezeit ist eine 2012 entstandene Porträt-Serie über die Adoleszenz und Auftritt, 2014 entstanden, versammelt schließlich abgründige, geheimnisvolle Porträts von Jecken im rheinischen Karneval. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Verlag Hartmann Projects, mit Texten der ukrainisch-deutschen Schriftstellerin Katja Petrowskaja und von Ulrich Domröse, dem Leiter der Berlinischen Galerie. Ein Dialog mit der Seele, dem ganzen Überdruss, dem eigenen Weltschmerz, das ist es, was die Fotografie der Tschechin Libuše Jarcovjáková prägt, eine weitere sehenswerte Ausstellung während der Berlin Art Week im Tschechischen Zentrum. Es handelt sich um die von Lucie Černá kuratierte Schau Schwarze Jahre. Berliner Tagebücher 1985 – 1990. Jarcovjáková, geboren 1952, ist immer wieder mit der US-Fotografin Nan Goldin und ihren legendären Bildern vom Berliner Underground verglichen worden. Jarcovjáková zeigt sie auch, die noch lustigen oder schon fertigen Party-People, schillernde Typen, verlebte Großstadtmenschen, allein, es fehlt die Farbe. Von 1985 bis 1989 lebte Libuše Jarcovjáková in Berlin. Die Bilder der Berliner Jahre vor dem Mauerfall begreift sie als eine Versuchsanordnung zu der Frage, was ihr die Flucht aus der vermeintlichen Unfreiheit gebracht hat. Sie entstehen in Kneipen, im Nachtleben, in Wohnungen: Porträts, Akte, Kunstledersitze in der U-Bahn – es sind mal triste, mal pralle Ausschnitte aus anderer Leute Leben, schrilles Schwarz-Weiß, wenn der Lippenstift kräftig ist. Es sind Fotografien, die einerseits dokumentarisch anmuten und dann wieder wie zufällige Schnappschüsse einer sehr exzessiv geratenen Party wirken. Zu sehen sind Intimität und große Einsamkeit.
Info
Loredana Nemes. GierAngstLiebe. Fotografien 2008 – 2018, Berlinische Galerie, www.berlinischegalerie.de , bis 15. Oktober Libuše Jarcovjáková: Schwarze Jahre. Berliner Tagebücher 1985 – 1990, Tschechisches Zentrum Berlin, www.berlin.czechcentres.cz, 29. September – 22. November

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