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Mondhell | Kids auf Lyrik

Von so was kann Simon Strauß nur träumen: Erika Thomalla vernetzt den Göttinger Dichterbund In der Nacht vom 12. September 1772, die mondhell gewesen sein soll, hatten sich sechs Göttinger Studenten in einem „kleinen Eichengrund“ unweit der Stadt getroffen und feierlich einen Bund geschlossen. Johann Heinrich Voß, nachmaliger Homer-Übersetzer und Feind der Romantiker, hat das so dargestellt: „Wir umkränzten die Hüte mit Eichenlaub, legten sie unter den Baum, faßten uns alle bei den Händen, tanzten so um den eingeschlossenen Stamm herum, – riefen den Mond und die Sterne zu Zeugen unseres Bundes an und versprachen uns eine ewige Freundschaft.“ Sie meldeten dem verehrten Klopstock, in dessen Namen sie zusammengekommen waren: „Da die Eichen rauschten, die Herzen zitterten, […] Bund für Gott, Freiheit und Vaterland in unserm Kuß und Handschlag glühte“. Man führte ein „Bundesbuch“, dessen Motto lautete: „Der Bund ist ewig!“ Nun ist das mit der Ewigkeit gerade unter Dichterkumpanen so eine Sache. Länger als zwei Jahre hat die Ewigkeit der Brüder denn auch nicht angehalten. Aber der Bund wurde von Germanisten verewigt, indem er als Prototyp des Dichterbundes oder allgemeiner der Schriftstellervereinigung festgeschrieben wurde. Ob George-Kreis, die Gruppe 1925, mit Becher, Brecht und Bloch, um nur beim B zu bleiben, die Gruppe 47 oder 61; gar P.E.N. und VS wurden darunter subsumiert. Ist Biller ein Ein-Mann-Bund? Selbstredend, dass die Göttinger in alle Winkel erforscht wurden. Erika Thomalla hat dessen ungeachtet respektive in Kenntnis all dessen den Göttinger Dichterbund noch einmal unter die Lupe genommen und dabei erst einmal die Verpanschung durch Fallausweitung und ebenso das sozial- und entwicklungspsychologische Peergroup-Modell abgewehrt. Dabei hatte der Bund alle Zutaten dazu: Einen verehrten Guru – Klopstock, berühmter Vaterlandsbarde und Eichensänger –, eine Konkurrenzclique – die Leipziger – und einen Erzfeind: Christoph Martin Wieland, in ihren Augen der erotisierend-frivole Französling. Thomalla zeigt sehr schön, wie die Jünglinge die Dosen der Kritik steigern, um Wieland zu provozieren, doch der weist nur milde darauf hin, dass so was bei Jünglingen üblich sei. Der umschwärmte Klopstock hingegen sollte ihre Gedichte produktiv kritisieren. Gut bündisch und bardisch hatte man die weitgehend gemeinsam verfasst, ohne individuelle Besitzansprüche. Doch Klopstock sah sich nur die Gedichte an, in denen er selbst vorkam, ansonsten riet er des Erfolgs wegen zur Individualisierung. Thomalla rekonstruiert minutiös die Strategien dieser versierten Medienpraktiker, sich in die Nachwelt der dermaleinst „Enkel“ einzuschreiben. So etwa die Diversifikation der Produktion, die Akquise von Adepten und die Aussendungen in alle literarischen Zentren. Mit dem Erfolg begann allerdings auch die Auflösung. So erstaunlich der auch soziale Zusammenhalt war, von Voß, dem Gastwirtssohn, dessen Großvater noch Leibeigener gewesen war, bis zu den burgfest adligen Brüdern Stolberg, so wenig konnten Zeit und Entfernung ihn bewahren. Man geriet unter „Distanzbedingungen“ in jeweils andere „Netzwerke“ (ohne ANT geht ja nichts mehr), die ästhetischen Positionen divergierten – als Klammer war denn die propagierte „Freiheit“ wohl doch zu vage –, und man begann die eigene Vergangenheit zu überarbeiten und entledigte sich der nun peinlichen Bardenschwärmerei. So sehr diese mustergültige Rekonstruktion darauf beharrt, dass es sich um einen exeptionellen Fall handele, so sehr legt sie nahe, dass das Modell fröhlich weiterwirkt, etwa in jüngeren Gebilden wie der Zentralen Intelligenz Agentur oder den Rich Kids of Literature. Was denen jedoch aus bekannten Gründen abgeht, sind schwärmerischer Ernst und heilige Selbstbegeisterung. Wenn man nicht in Maxim Biller einen derartig leidenschaftlichen Bund mit sich selbst – ohnehin die sicherste Gewähr gegen zumindest zeitliche und räumliche Spaltung – sehen will, wird man wohl noch ein wenig auf die Zukunft spekulieren müssen. Mag sein, dass einst wieder bündische Barden um Eichen hüpfen. Mögen sie dann ihren Wieland finden!

Die Erfindung des Dichterbundes. Die Medienpraktiken des Göttinger Hains . Erika Thomalla Wallstein 2018 156 S., 19,90 €

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