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Porträt | Wie ein Mensch versank

Daniel Kaiser-Küblböck ist über Bord gegangen. Mit ihm verabschiedet sich auch der Zeitgeist der 2000er Jahre Wenn wir irgendwann versuchen, den Anfang der 2000er Jahre zu verstehen, könnte die Antwort bereits auf dem Meeresgrund liegen. Rund 185 Kilometer nördlich von Neufundland. Hier, so wird jedenfalls vermutet, stürzte in der Nacht zum 9. September 2018 ein Mensch von Bord eines Kreuzfahrtschiffes, der diese Zeit verkörpert wie kaum ein anderer. Daniel Küblböck kam am 27. August 1985 in Hutthurm zur Welt und wurde im Winter 2002 in der RTL-Show Deutschland sucht den Superstar geboren. Sein Leben soll hier in sieben Kapiteln nacherzählt werden. Kapitel 1: Schwere Geburt. Dass die Welt von der Existenz Daniel Küblböcks erfuhr und dass er so etwas wie der Adoptivsohn der deutschen Spießerfamilie wurde, hatte etwas mit seiner sensiblen Großherzigkeit zu tun. Wir liebten den kleinen Mann mit den langen Haaren, den abstehenden Ohren und der großen Brille, der gerade zum Kinderpfleger ausgebildet wurde. Nicht aufgrund seiner Sangeskünste, denn die erinnerten eher an ein Rabenküken. Wir liebten ihn für seine aufgekratzte Begeisterung darüber, wie groß und abenteuerlich die Welt sein kann. Küblböck zeigte Deutschland, dass das Anderssein vielleicht nervig, aber auch unterhaltsam, vielleicht anstrengend, aber nie langweilig, vielleicht schrill, aber nie abstoßend sein muss. Und so saß Deutschland vor dem Fernseher und schaute diesem emotionalen Menschen beim Lachen und beim Weinen zu – und schaltete ab, wenn es zu viel wurde. Kapitel 2: Die Entdeckung. Hätte Gott selber diese Welt aus Scheinwerfern, großer Inszenierung und überbordenden Emotionen erfunden – er hätte Daniel Küblböck zu ihrem Adam gemacht. Aber leider war ihr Schöpfer nicht Gott, sondern ein Fernsehsender. Dieter Bohlen wurde zum Menschenfischer und die Bild-Zeitung zum Neuesten Testament. Diese Welt wurde für Daniel Küblböck schnell zur Wahrheit. Eine Welt, die aufgebaut wurde, um uns zu unterhalten, ein Menschenexperiment, an dem wir uns amüsierten. Eine Welt, die uns faszinierte, aber nie wirklich unsere war – eine Welt wie ein Kuriositätenkabinett. Kapitel 3: Das Überleben. Eine Grundidee von RTLs neuer Medienwelt war es, den einzelnen Menschen zu formen, um ihn im gleißenden Licht der Scheinwerfer wieder zu verbrennen. Küblböck aber wollte die bunte Welt nicht verlassen. Er stemmte sich mit aller Gewalt gegen das Vergessen und die Hitze. Selbst allzu Irdisches wurde bei ihm zur Show, etwa als er mit einem Gurkenlaster kollidierte. Immerhin: Er stand wieder auf der Titelseite des Neuesten Testaments. Seine Bemühungen, als echter Pop-Star oder als Schauspieler zu reüssieren, scheiterten dagegen. Auch, weil die Welt des Hochglanzes nicht vorsieht, dass der Hofnarr plötzlich ernst werden will. Kapitel 4: Die Recyclingmaschine. Im frühen 21. Jahrhundert wurde den Sternchen versprochen, dass es immer höher geht, wenn man zuvor nur tief genug hinabgestiegen ist. Nur wer in der Hölle verbrannt war, so die Logik, hatte eine Chance, als Phoenix wieder aufzusteigen. Dabei muss man sich die Hölle wie eine mediale Recyclingmaschine vorstellen: zunächst Big Brother, dann das Dschungelcamp. Und der Neue Mensch, Daniel Küblböck, verblüffte sogar hier seine Schöpfer, indem er zwischen Kakerlaken und Ekel-Prüfungen eine längst vergessene Qualität behielt: seine Würde. Die wurde ihm erst später genommen, als er im zweiten Recycling-Gang durch die Talkshows gereicht wurde. Kapitel 5: Die Neuerfindung. Für einen Moment schien es so, als sei Daniel Küblböck in seiner Welt gestorben. Woher auch immer er die Kraft hatte: Er stieg aus und erfand sich selber neu. Dieses Mal als Unternehmer. Mit seiner Firma Positive Energie investierte er in Solaranlagen und wurde, nach eigenen Angaben, Millionär. Statt sich weiterhin von der Nation beim Weglaufen zuschauen zu lassen, blieb er stehen und begegnete dabei sich selber: seiner Zerrissenheit, seinen Sehnsüchten, seinem Ich im falschen Körper – und seiner Freundin, der 75-jährigen Immobilien-Millionärin Elisabeth Kaiser, die ihn adoptierte. Kapitel 6: Die Ernsthaftwerdung. Unsere Neue Welt gebiert zwar Stars, aber der Tod findet in ihr höchstens als Sensation statt. Mit dem realen Sterben, dessen Fragen und Trauer hat er nichts zu tun. Aber es war dieser echte Tod, der nun in Küblböcks Leben trat: Mit nur 28 Jahren starb sein Bruder an Drogen. Und auch der eigene Misserfolg bestimmte die reale Welt: Die Positive Energie GmbH wurde aus dem Handelsregister gelöscht, der Versuch, beim Eurovision Song Contest aufzutreten, scheiterte. Küblböck beschloss, seine Ernsthaftwerdung jenseits der Scheinwerfer fortzusetzen, als er sich zu einer Schauspielausbildung am Europäischen Theaterinstitut in Berlin einschrieb. Kapitel 7: Die Dunkelheit. Bevor der Mensch Daniel Küblböck am 9. September 2018 von einem Kreuzfahrtschiff ins Meer stürzte, waren alle Scheinwerfer ausgeschaltet. Auch das hat, trotz aller Traurigkeit, irgendwie: Würde. Er trug zunehmend schwarze Kleider, seine Homepage: schwarz. Dunkel auch seine letzten virtuellen Nachrichten, in denen er vom Mobbing an der Schauspielschule berichtete, seine letzten Gespräche, in denen er über seine Sehnsucht, Frau zu werden, erzählte. Niemand schien Daniel Küblböck gesagt zu haben, dass man in unseren Wohnzimmern die Fernbedienung drückt, wenn private Sorgen, persönliche Zerrissenheit und das Scheitern zu real werden. Dass wir nicht wahrhaben wollen, dass an unseren unterhaltsamen Menschenexperimenten tatsächlich Menschen beteiligt sind. Daniel Küblböck ist mit 33 Jahren ins Wasser gegangen. Möge er vom Grund des Meeres aufsteigen – in eine bessere Welt, hier bei uns auf Erden oder anderswo.Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.

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