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Prediger | Er bringt uns frohe Kunde

Micah White gilt als der Mitbegründer von Occupy Wall Street. Heute sieht er die Zukunft der Revolution in spirituellen Riten Zwischen Idealismus und Verklärung liegt oft nicht viel. Genau in diesem Spannungsfeld oder Sumpfland bewegt sich Micah White. Er ist der Mann, der als „Mitgründer von Occupy Wall Street“ berühmt wurde, so steht es in etlichen Zeitungsartikeln und auf seiner eigenen Website. White hatte im Sommer 2011 dazu aufgerufen, Teile des Finanzviertels von Manhattan in einer Guerillaaktion zu besetzen, was ein paar Monate später dann auch Wirklichkeit wurde, als Hunderte Menschen zum Zuccotti Park strömten und eine Bewegung in Gang setzten, die sich weltweit ausbreitete und eine ganze Generation von Aktivisten inspirierte. Wie viel die Ausführung von Occupy letztlich mit Whites ursprünglicher Idee zu tun hatte, darüber lässt sich streiten. White ist heute 36 Jahre alt, wohnt mit seiner Frau und seinem Sohn in der Kleinstadt Kingston, gute zwei Stunden nördlich von New York City. Einiges ist passiert seit Occupy, White ist eine Marke, er wird ins Fernsehen eingeladen, für Vorträge gebucht. 2016 erschien sein erstes Buch The End of Protest. Ein „catchy“ Titel, wie Amerikaner so sagen. Eingängig, griffig. Und auf dieser Temperatur köcheln auch die vielen steilen Thesen; schlaue Gedanken wechseln sich mit reaktionären ab. Das Buch ist größenwahnsinnig, widersprüchlich. White inszeniert sich als eine Art Pastor. „Hört, Menschen dieser Welt, ich bringe euch frohe Kunde“, schreibt er im vorletzten Kapitel, frei von jeder Ironie. In diesem Sommer ist sein Manifest in Deutschland erschienen, hier heißt es Die Zukunft der Rebellion. Kein schlechter Zeitpunkt, wo die Finanzkrise nun genau zehn Jahre zurückliegt, wo sich Occupy in diesen Tagen ja auch zum siebten Mal jährt, und überhaupt, wo konstruktiver Widerstand angesichts von Trump, Brexit, AfD und so weiter noch nötiger erscheint als sonst. Ganz zu Anfang des Buches stellt White ein Zitat des österreichischen Ökonomen Paul Rosenstein-Rodan, der 1974 sagte: „Revolutionär sein ist wie verliebt sein. Verliebte glauben, dies sei in ihrem Leben noch nie jemand anderem passiert. Daher lernen sie auch nicht von anderen und machen immer wieder die gleichen Fehler.“ In den magischen Wochen White will kein liebestrunkener Revolutionär sein. Bloß keine Straßenmärsche mehr, das seien „performative und symbolische Akte“, die sich mit der Zeit abgenutzt hätten. „Durch öffentliche Spektakel und Medienhype sind die westlichen Demokratien nicht ins Wanken zu bringen. Proteste sind zu einem akzeptierten und deshalb ignorierten Nebenprodukt des politischen Tagesgeschäfts geworden“, meint White und wiederholt grob das, was Herbert Marcuse vor über 50 Jahren behauptete. „Die traditionellen Mittel und Wege des Protests“ seien unwirksam, schrieb der Philosoph 1964 in Der eindimensionale Mensch. Micah White hat recht: Die Millionen Menschen, die in den letzten Jahrzehnten für Umweltschutz auf die Straße gegangen sind, konnten den Klimawandel nicht verhindern. Der Irak-Krieg fand statt, trotz all der Märsche. Auch die Proteste gegen Rassismus, ob in Ferguson, Berlin, Tel Aviv oder wo auch immer, haben das Problem nicht gelöst. Logisch. Allerdings lassen sich Kausalitäten zwischen Protest und Protestwirkung nahezu unmöglich bestimmen. Wer weiß schon, was ohne diese und jene Demonstrationen passiert wäre? Wer will schon behaupten, was genau diese und jene Revolution auslöste? Auf diese Ambivalenzen nimmt White Bezug, indem er Occupy einen „konstruktiven Fehlschlag“ nennt. Viele Menschen hätten damals „zum ersten Mal radikale Demokratie“ erlebt. Zahlreiche lokale Projekte seien angestoßen worden, die nun „im kleineren Rahmen dauerhafte Wirkung haben“. Außerdem habe Occupy „die Wirksamkeit des Einsatzes von Memen in den sozialen Netzwerken demonstriert“. Dennoch: Die Bewegung habe ihr „revolutionäres Potenzial nicht zu entfalten vermocht“. Der Einfluss des Geldes auf die Demokratie bleibe bestehen. Die Herrschaft des einen Prozents wurde nicht gestürzt. Kurz: Den Kapitalismus, es gibt ihn noch. Dass White vom Kampf gegen diesen gewissermaßen profitiert, kann man ihm nicht vorwerfen. Anruf beim Bewegungsvater. Er sitzt in einem Café im malerischen Kingston, wo er seit einem Jahr lebt. „Mir geht es gut“, sagt White, „ich genieße die Ruhe.“ Er erzählt, wie er vor zwei Jahren Bürgermeister eines kleinen Dorfes in Oregon werden wollte. Die Wahl ging verloren. Dann bekam White Morddrohungen von einem Nachbarn. Die Familie zog weg. Nächstes Kapitel. „Meine Frau und ich haben eine Online-Schule für Aktivisten gegründet“, sagt er. Die „Activist Graduate School“ soll im Herbst an den Start gehen. Protest als Geschäftsmodell: gewiss nichts Neues, nichts Verwerfliches. Der Footballer Colin Kaepernick, der sich als mutiger Hymnen-Verweigerer und Anti-rassismus-Aktivist mit Präsident Trump anlegte, wurde ja gerade erst als das neue Gesicht der Nike-Kampagne präsentiert. Interessant ist aber, wie sich Micah White selbst präsentiert. Ob auf Twitter oder seiner Website, sein Doktortitel „PhD“ darf nicht fehlen. Dick aufgetragen, gleichzeitig verkrampft liest sich auch ein Aufruf, den White vor Kurzem veröffentlicht hat. Zum zehnten Jahrestag der Lehman-Brothers-Pleite am 15. September soll nun erneut die „Wall Street überfallen“ werden. „Mit gewagten, neuen Taktiken“, wie White schreibt. Welche das sind, erfährt man nicht. Sollte man gespannt sein? White wuchs in Maryland und Michigan auf. Sein Vater schwarz, die Mutter weiß. Bürgerliches Vorstadtleben. „Meine Experimente mit revolutionärem Aktivismus, kleine und große, mehr oder weniger wirksame, begannen, als ich 13 war“, schreibt er. Als Schüler habe er sich geweigert, den allmorgendlichen Treueeid zu leisten. White gründete eine „illegale Zeitung“ und einen „atheistischen Schülerklub“, er zog vor Gericht gegen die eigene Schule. Immer auf der Suche nach „bestmöglichen Taktiken, um den Status quo zu verändern“. Am Telefon klingt der Mann weniger eindringlich. Er hat eine sanfte Stimme, man kann ihn sich kaum in ein Megafon brüllend vorstellen. Wobei das auch nie seine Rolle war. White will Spin Doctor sein. Als sich Occupy im Herbst 2011 entfaltete, saß er in Berkeley, Kalifornien, vorm Computer. Im Zuccotti Park war White während der „magischen Wochen“ kein einziges Mal, wie er gesteht. Da arbeitete er für Adbusters, ein kanadisches Magazin, mit dessen Gründer Kalle Lasn er auch den Aufruf zu #OccupyWallStreet verfasst hatte. In seinem Buch beschreibt White stolz, wie es gelungen sei, die Revolutionen des Arabischen Frühlings in die USA zu transportieren. Es ist dieser Größenwahn, den ihm manche Aktivisten vorwerfen. Faszinierende Fünf Sterne Occupy markiere „das Ende des Protests, wie wir ihn bisher kennen“, schreibt White, aber keine Sorge, das sei eine gute Nachricht. Endlich Platz für Neues. Horizontal organisiert müssten Bewegungen künftig sein – aber gleichzeitig den Weg in die Parlamente suchen. Als Beispiel nennt White die Fünf-Sterne-Bewegung in Italien, „die weder rechts noch links, aber faszinierend“ sei. Deren Koalition mit der rechtsextremen Lega Nord sei deshalb zu verkraften. Allmählich wird klar, wo White die „Zukunft der Rebellion“ sieht: im Spirituellen. Ein Ansatz, den man von links tatsächlich selten hört. „Die ansteckende kollektive Erleuchtung ist die einzige Kraft, die ein politisches Wunder vollbringt“, schreibt er und plädiert dafür, sich dem zu öffnen, „dass Revolutionen ein übernatürlicher (oder göttlicher) Prozess sein können“. Die Aktivisten von morgen werden „den strikten Säkularismus und Materialismus aufgeben“ müssen. Mythen und Riten seien eine Chance. Dass es zuletzt vor allem die neofaschistischen Identitären waren, die Politik mythologisieren wollten, ist White bewusst. „Wir können von denen lernen. Die Rechte ist zurzeit schneller und effektiver“, sagt er. Das Buch klingt am Schluss wie eine Predigt. Der Erzähler wird immer größer, pathetischer, rätselhafter. Wenn er vom „Virus des Kommerzes“ spricht und mahnt, dass unsere Kultur „durch Pornografie und Videospiele unwiderruflich vergiftet“ sei, klingt er wie ein puritanischer Republikaner. Wenn White klagt, dass die Menschen statt Insektenarten nur noch Firmenlogos erkennen, wie ein naiver Hippie. Und wenn er behauptet, dass Meditation die Lösung sei, sobald die „Außenwelt wie eine Apokalypse“ erscheine, darf man das dann als zynische Weltfremdheit deuten? White mag es ehrlich gut meinen, Vorsicht scheint geboten. „Ich habe im Internet gesehen, dass Rechte mein Buch empfehlen“, erzählt White am Telefon. Es fühle sich seltsam an.
Info
Die Zukunft der Rebellion Micah White Helmut Ettinger (Übers.), Blumenbar 2018, 320 S., 18 €

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