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Reanimation | Kurzzeithölle

Unser Autor will nur kurz sein Auto abholen. Dann muss er ein Leben retten Meine Leasingrückgabe lässt mich unruhig schlafen. Was, wenn eine sonst wie hohe Rechnung in das Sommerloch schwappt? Der Fahrzeugaufbereiter hat ein Herz für sorgenvolle Rückgeber. Die Freude ist daher groß als die Aufbereitungskosten sich im Rahmen halten. Doch statt mir die Rechnung zu geben, reißt er seinen Arm hoch und zeigt direkt hinter mich. Da, liegt einer! Jaja, denke ich selbstgefällig, wer sollte hier im durch Autos dominierten Industriegeb … oh! … denke ich noch beim Umdrehen und sehe wie ein Mensch mit dem Gesicht auf dem Asphalt liegt. Jährlich erleiden in Deutschland circa 55.000 Menschen einen OOHCA. Diese krude Abkürzung steht für Out of Hospital Cardiac Arrest. Kurz Herzstillstand. Er bedeutet für neun von zehn Menschen hierzulande den sicheren Tod. Trotz unserer perfekten medizinischen Infrastruktur. Oder gerade deswegen? Die meisten Menschen lächeln beschämt, wenn sie an ihren letzten Erste-Hilfe-Kurs erinnert werden. Müsste man ja auch mal wieder machen, ist ja so wichtig. Machen tun es dann die wenigsten. Der Autor glaubt, dies liegt im Kern auch daran, dass viele sich, wenn auch unbewusst, auf die grandiose Versorgungssituation verlassen. Wir haben gesetzlich definierte Hilfsfristen, in wie viel Prozent der Fälle ein Rettungsmittel seinen Einsatzort erreichen muss. Und auch wenn hier und da etwas im Argen bei dieser Hilfsfrist liegt: Wir haben zumindest eine. Und die materielle Ausstattung und die Ausbildung sind im Vergleich zu vielen anderen Ländern herausragend einheitlich hoch. Hier passiert nichts Ich sehe ihn, Schuhe mit Profil, der Körper liegt schlaff mit dem Gesicht auf dem Boden. Keine Regung, wie sie für eine kurze Kreislaufschwäche typisch wär: Der Mensch rappelt sich nach Flachlage wieder auf. Hier passiert nichts. Wir hetzen die Meter zu dem unbekannten Herren. Er ist auf laute Ansprache erweckbar, gibt ungefragt Schmerzen in der Brust an und eine Vorgeschichte des Herzens. Lebensgefahr! Das Problem bei einem Herz-Kreislaufstillstand ist, dass er nicht auf den perfekt organisierten Rettungsdienst wartet. Denn er tötet – jede Sekunde. Jede Minute sinkt die Überlebenschance des Patienten um 10%. Nach 3-5 Minuten entstehen irreversible Schäden am Gehirn. Rein rechnerisch ist also nach zehn Minuten Schluss. Und das ist es meistens auch. Ändern kann dies kein oft herbeigesehnter Rettungshubschrauber, keine noch so gestraffte Hilfsfrist. Der Ball liegt, um in der WM-Sprache zu bleiben, im Feld der Menschen, die um den Patienten herumstehen. In den Leitlinien, die die Reanimation regelt, gibt es dafür einen Begriff: „Bystander-CPR“. Also Kardiopulmonale Reanimation (CPR) durch Umstehende. Ganz gleich, wer sie sind oder ob sie einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert haben. Sie sollen den Kreislaufstillstand erkennen und sofort anfangen. Nur das ist ein gesichertes Kriterium, dass Patienten eine Überlebenschance haben. Der Notruf wird abgesetzt, der Herr aufgesetzt, um ihm die Atmung zu erleichtern. Der Aufbereiter holt grade eine Decke, da verdreht der Mann die Augen, es ist ganz typisch, sein Kopf kippt rüde ungehindert nach hinten. Er stirbt, ich sehe es, hab es in meinem früheren Job im Rettungsdienst oft genug gesehen. Dann folgt das, was ich zig mal im Einsatzdienst machte und tausende Male in Schulungen vollführte: Kopf überstrecken, Atmung prüfen. Es passiert, ohne dass ich es aktiv steuere. Professor Böttiger ist ein arrivierter Mann und könnte langsam ruhiger treten. Er ist Chefarzt der anästhesiologischen Abteilung der Uniklinik Köln und Vorsitzender des Deutschen Rates für Wiederbelebung (GRC). Doch seine Leidenschaft als Notfallmediziner bricht bis heute durch: Wenn er öffentlich die Stabile Seitenlage (SSL) auf Podien so vehement verdammt, dass die Fachkollegen im Plenum beschämt tuscheln. Die Sorge, dass Umstehende die Reanimation korrekt durchführen, ist ein kleines Problem gegenüber der Tatsache, dass Menschen die Dramatik der Situation nicht erkennen und aus Sorge, etwas falsch zu machen, dann doch zur allseits bekannten SSL greifen. Diese ist in dieser Situation das finale Todesurteil für den Patienten. Ersthelfer haben immer wieder Zweifel, ob man einen Atemstillstand wirklich feststellen kann. Man kann. Da ist nichts. Ich schiebe sein Hemd hoch und beginne schnell, tief und fest auf sein Brustbein zu drücken. Es geschieht eine Seltenheit bei einer Reanimation: Der Patient zeigt nach wenigen Herzdruckmassagen wieder Lebenszeichen, ist sogar wieder ansprechbar. Alles könnte so einfach sein Böttiger steht für die Wiederbelebung und verteidigt sie aufs energischste. Er ist ein Arzt, der weiß worauf es ankommt. Auf Basics. Ersthelfer brauchen nur ihre Hände, predigt er, wenn mal wieder Laien-Defibrillatoren (AED) als das Allheilmittel hochgehalten werden. Auch diese haben ihren Sinn, ersetzen aber nicht die Herz-Lungen-Wiederbelebung. Und diese besteht essentiell aus einer hochqualitativen, durchgehenden Herzdruckmassage. Alles könnte so einfach sein: Erkennen des Kreislaufstillstandes, Notruf mit ggf. Anleitung durch den Disponenten und dann Durchführung der Herzdruckmassage. Sollte der Helfer es sich zutrauen, kann er unter Anleitung des Disponenten sogar eine Beatmung versuchen. In Lebensgefahr der Mensch vor uns dennoch, er hat einen schweren Hinterwandinfarkt, wie später das EKG zeigt. Ob er überlebt, ist fraglich. Ich werde es wohl nie erfahren – Datenschutz. Reanimieren ist immer eine belastende Situation, wohnt man doch dem potentiellen Sterben eines Menschen bei, war der letzte, den er gesehen und gesprochen hat. Anders als im Rettungsdienst fehlt einem als „Umstehenden“ die Sicherheit des Systems: keine Leitstelle, kein Team, kein Fahrzeug, kein Material. Es ist unglaublich einsam, es überfordert, macht nachdenklich. Die Vorbehalte in der Bevölkerung sind groß, Erste Hilfe ist in der Schule noch nicht angekommen. Alles Themen, die sich Böttiger angenommen hat. Er bringt Erste Hilfe in die Schulen, veranstaltet Reanimationswochen und versucht so, das Thema in die Gesellschaft zu bringen. Denn nur die Gesellschaft kann sich im Fall der Fälle am eigenen Schopf aus dem Todesstrudel ziehen. Die Quote der Laienreanimationen steigt, auch weil man sukzessive Reanimationen im Rettungsdienst auswertet und somit endlich validere Zahlen vorlegen kann. Das Deutsche Reanimationsregister legt nun neue Zahlen vor, die zumindest etwas erfreuen können. 2010 lag die Quote bei mageren 14% und stiegt bis 2017 konsequent auf 42%. Andere Länder überbieten dieses bis teilweise 75%. Wichtig hierbei ist, sich nicht zu früh zu freuen. Es sind immer noch weniger als 50%. Böse Zungen sagen, es gäbe andere Todesursachen, denen es sich prioritärer hinzuwenden gälte. Rein numerisch mag das stimmen, aber der Mensch, den ich im Mai erfolgreich reanimierte, lebt wieder. Ich treffe ihn vier Tage später. Er ist bei Bewusstsein, fit, kann laufen und hat keinerlei, wirklich keinerlei, Folgeschäden. Es fühlt sich an wie ein Wunder und beruht einzig und allein auf der Tatsache des sofortigen Erkennens des Herz-Kreislaufstillstandes und der Herzdruckmassagen. Er feiert nun im Mai immer seinen zweiten Geburtstag. Was zählen da noch andere Zahlen?

Jan C. Behmann ist freier Autor aus Frankfurt am Main. Er ist Inhaber einer ermächtigten Stelle zur Aus- und Fortbildung von Erster Hilfe, sowie Autor eines anerkannten Erste-Hilfe-Lehrwerks. Er war mehrere Jahre hauptamtlich im Rettungsdienst tätig. Der Autor gibt an, dass kein Interessenkonflikt vorliegt

Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.

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