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Sachlich richtig | Seht, Sesselreisen!

Erhard Schütz erfährt, dass am Rand jeder Karte so manche Monstrosität lauern könnte und findet Gefallen am Reisen im Sitzen Auf sicheres Terrain: Zwei wundersam Wandersame, Schriftsteller Gerhard Henschel und Fotograf Gerhard Kromschröder, sind durch Wilhelm-Busch-Land gepilgert, von Wiedensahl, dem Geburtshaus im Weserbergland, über sonstige Busch-Stationen wie Lüthorst, Ebergötzen oder Hattorf, bis zum Grab in Mechtshausen im Harz. Zugleich ist das Rattenfänger- und Münchhausen-Land. 300 Kilometer schöne und nicht ganz so schöne Orte. Brachliegendes Geschäftsleben, mustergültigste Vorgärten, Abgründe der Geschichte, Untiefen des Geschmacks und halbe Höhen der Menschen- und Gastfreundlichkeit. Gespickt mit Verbots- und Belehrungsschildern, herrliche Beschriftungen und dämliche Sprüche. Alles wunderbar beobachtet in Wort und Bildern. Letztere geradezu Andachtsikonen, in denen Scheußliches zu Schönem sich wandelt. Über alledem feine Bemerkungen zu Leben und Wirken Buschs, Wiederbegegnung mit erlesenen Zitaten und kuriosen Ansichten der Kritiker. Gründlicher und heiterer wird man Deutschländisches nicht sesselbereisen können. Spuren der Nazizeit begegneten Henschel und Kromschröder öfters, Florian Werner traf echt aktuelle Neos. Aber erst einmal den inneren Schweinehund, und das kurz hinter der Haustür im Prenzlauer Berg. Von hier aus führt sein ganz eigener, der Weg des geringsten Widerstands (= WdgW) in die Welt hinaus, na ja, verraten wir’s: zumindest bis in die Gegend von Bremen. Die Regeln des WdgW lauten u. a.: Stets bergab statt bergauf, mit statt gegen den Wind. Doch dies im Juni 2017, der recht humide, vulgo verregnet war. Ohne Karte und ohne GPS, war die weitere Auflage. Präzise, zwar vom GPS dokumentarisch verfolgt, aber nicht geführt. So gelangt er nach ca. 70 Seiten aus Berlin heraus und hinter Potsdam. Der WdgW führt nach Sachsen-Anhalt, u. a. zu schröcklichen Neonazis, zu netten Punks und einem selbstberufenen Missionar, muffeligen Wirten sowieso, dann nach Niedersachsen und – als sei es der magnetische Pol aller vegan-linksliberal-weltoffenen Menschen – nach Lüchow und dann Danneberg. Wobei, was er von dort berichtet, an das obige Busch-Land grenzt. Weiter die Elbe entlang nach Hamburg, von dort nach Bremervörde und flugs heim zu Frau und Kind. Einige Erkenntnisse: Der WdgW ist gewissermaßen die protestantische Askesevariante des bequemen Jakobswegs. Der Rucksack wird nicht leichter, zumal wenn einem spendable Chinesen begegnen. Aber warum sollte man das lesen wollen? Nun, Werner könnte auch mit dem Melkschemel um den Teppich reiten, und es wäre lesenswert. Hier läuft er sich nicht nur Blasen, sondern zu großer Form auf: Einsichten zur Lebenspilgerschaft, blitzgescheite Miniaturen aus Flachdeutschland, philosophische Weisheiten, auf die die Prechts dieser Welt neidisch blickten. Die Ende des 19. Jahrhunderts gen Ostsee verbesserte Mobilität haben vorzugsweise die Mobileren dorthin gebracht, aufstiegsorientierte und erfolgreiche Juden. Ihnen schlug bald übelste Ranküne entgegen. Um 1880 denkt man in Heiligenhafen über eine höhere Kurtaxe für Juden nach. An der Nordsee, in Borkum, kursiert populär eine Hymne, deren Kernbotschaft „Hinaus!“ ist. Dezenter werben Etablissements mit „deutsch“, „christlich“ oder „vom Offiziersverein empfohlen“. Umkleidekabinen werden mit antijüdischen Parolen beschmiert. Juden versuchen, dagegenzuhalten. Die Jüdische Rundschau listet antisemitische Unterkünfte auf. Dazu Listen, wo Juden willkommen sind. Joseph Roth rät 1924 Demokraten und Juden vom Besuch auf Rügen ab. George Grosz findet in Prerow 1931 jede Menge Sandburgen mit Naziparolen. Ohnehin gibt es den Flaggenstreit zwischen Reichskriegsflagge und „Judenlappen“ in Schwarz-Rot-Gold. Von der NS-Zeit ganz zu schweigen. Gerhart Hauptmann sorgt dafür, dass sein Domizil in Hiddensee die Hakenkreuz-Flagge zeigt. Was hier kundig wie erschreckend zusammengetragen wurde, wäre traurigste Monotonie, begegnete man dabei nicht Else Lasker-Schüler, Mascha Kaléko, Kafkas Dora Diamant oder den Klemperers wieder. Je ferner, desto monstriger pflegen Monster zu sein. Sie besiedelten daher die Ränder von Karten der jeweils bekannten Welt. Je bekannter diese, desto mehr verzogen sie sich ins Meer. Wo sie dann von Seefahrenden zwar nicht höchstselbst, aber doch in effigie mitgebracht wurden, was Gelehrte zu Papier brachten. Erling Sandmo hat in einem feinen Büchlein 20 Arten seit dem 15. Jahrhundert zusammengestellt. Darunter so zauberhafte wie den Meeraal, der sich in unendlicher Gier selbst aufzufressen pflegt. Der Meermensch darf nicht fehlen, in diesem Falle Kerle, der eine eher äffisch, der andere mit Turban – ungerührt wurden sie zu Tran verarbeitet. Die lebende Insel ebenso wie die Riesenkrake. Damit wären wir bei der eigentümlichsten Eigentümlichkeit dieser verhaltens- und aussehensauffälligen Mitwesen: Sie sind immer dem heimisch Geläufigen verwandt, Wal, Rochen, Tintenfisch … und selbst Scholle …
Info
Laubengänge. Auf den Spuren von Wilhelm Busch durchs Weserbergland zum Harz Gerhard Henschel, Gerhard Kromschröder Edition Temmen 2018, 224 S., 24,90 € Der Weg des geringsten Widerstands. Ein Wanderbuch Florian Werner Nagel & Kimche 2018, 256 S., 21 € „Ob die Möwen manchmal an mich denken?“ Die Vertreibung jüdischer Badegäste an der Ostsee Kristine von Soden Aviva 2018, 208 S., 20 € Ungeheuerlich. Seemonster in Karten und Literatur 1491 – 1895 Erling Sandmo Nagel & Kimche 2018, 108 S., 16 €

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