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Sachsen | Was wäre, wenn …

Muss man die CDU wählen, um einen Wahlsieg der AfD zu verhindern? Ein Gedankenexperiment in düsteren Zeiten Tagesaktuelle Gretchenfrage: Wie hältst du’s mit der Sachsen-CDU? Bisher konnte ich die Frage sehr leicht beantworten: Ich halte da gar nichts von. Unwählbar ist sie. Eitel, kurfürstlich im Auftreten, irgendwas zwischen Pater familias und Immobilienverwalter mit fragwürdigem Schlips – so wirkten die CDU-Ministerpräsidenten der letzten Jahrzehnte im Bundesland, in dem die CDU einer Dauerabonnement auf mehr oder weniger hohe Wahlsiege abgeschlossen hatte. Natürlich sank der Sachsenstern der CDU zuletzt merklich, natürlich kam mit der Ablösung Stanislaw Tillichs als Ministerpräsident und der Einsetzung des verhältnismäßig jungen Michael Kretschmer Bewegung ins Verhältnis zwischen Landesoberhaupt und Sachsen. Man konnte beinahe von einem Verhältnis Wähler und Gewählten sprechen, Untertanentum ade! All das aber hatte ja mit meiner Wahl nichts zu tun. Denn die fiel ganz gewiss nicht ins schwarze Spektrum der Möglichkeiten. Jetzt aber das: Eine von der Bild am Sonntag veröffentlichte Emnid-Umfrage bescheinigt der AfD, stärkste Kraft in Ostdeutschland zu sein. Jeder Vierte würde die AfD wählen, ein Horrorszenario für die in einem Jahr anstehende Landtagswahl in Sachsen. Dort liegt, wiederum einer Insa-Umfrage zufolge, die CDU zwar noch einige Punkte vor der AfD. Aber was wäre, wenn…? Was man bisher nur in dunkelsten Träumen fürchtete, was an Lagerfeuern – Taschenlampe unterm Kinn – allenfalls geraunt wurde, könnte Wirklichkeit werden: Die AfD stärkste Kraft in Sachsen. Zu dieser Wirklichkeit muss man sich doch verhalten? Muss man also CDU wählen, um das Allerschlimmste abzuwenden? Man will als Sachse doch nicht schon wieder kollektiv gebasht werden und besorgte Mails ausländischer Freunde erhalten: „Was ist da los bei euch?“ Ich stelle mir den Morgen nach dem Fest für die AfD vor: Schlagzeilen über das braunste Bundesland von der Bild bis Bento (gibt’s das noch?). Grauenerregende Naziwortspiele, ein grinsender Gauland, Sucksen- und Saxit-Hashtags auf Twitter, allgemeine Facebook-Empörung, Drittes-Reich-Vergleiche, dazwischen: Zitate von Victor Klemperer. Wut, Empörung, Haareraufen. Alles wie bisher also. Es müsste sich dann auch kein Sachse mehr über Sachsen-Bashing beschweren, denn ehrlich: Wir hätten es verdient. Die Berichterstattung zum Morgen nach der Wahl käme einer dieser kontrafaktischen Geschichtsbetrachtungen zum Dritten Reich gleich: „Was wäre gewesen, wenn die Nazis gewonnen hätten?“, nur stünde die Frage diesmal im Einklang mit den Fakten. Wirklich entscheidend ist nun, wie die Stärke der AfD das Wählerverhalten beeinflussen wird. Im besten Falle führt es zur Mobilisierung verschütteten Wählerpotenzials bei CDU, Linken und Co., und das bei möglichst hoher Wahlbeteiligung. Selbst dann stünden die Parteien aller Wahrscheinlichkeit nach vor dem enormen Problem, dass rechnerisch eine Koalition zwischen Linken und CDU die einzige Möglichkeit zur Regierungsbildung darstellen könnte. Nicht weniger problematisch: Eine CDU-Minderheitsregierung, toleriert von der Linken. Dass so etwas überhaupt denkbar geworden ist, zeigt die Verzweiflung der sächsischen Parteien. Wir haben es also mit einer Pest-oder-Cholera-Wahl zu tun. Man fühlt sich fatal an die amerikanische Präsidentschaftswahl erinnert, in der zahlreiche amerikanische Linke Hillary Clinton für so unwählbar hielten, dass sie eine Wahl Donald Trumps immerhin hinnahmen – vielleicht auch, weil sie seine Wahl für keine mögliche Möglichkeit hielten. Also doch CDU wählen? Die CDU letztlich dafür belohnen, dass sie die braune Gefahr seit Jahrzehnten heruntergespielt, Augen, Ohren und Mund verschlossen hat, in der Angst, mögliche Wähler zu vergrätzen? Ein „Weiter so!“ ermöglichen, in der Hoffnung, es möge sich auf wundersame Weise etwas ändern? Wofür Michael Kretschmer, der nach den Chemnitzer Vorfällen vehement verneinte, dass es Hetzjagden gegeben habe, nun wahrlich wenig Anlass zur Hoffnung gibt. Kleine Frau, was nun? Ein Jahr noch bleibt mir, auf die große Frage mit Gegenfragen zu antworten. Denn ehrlich: Ich weiß es nicht.Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.

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