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Sport

von

Dennis Görlich

Auf dem Platz sind alle gleich. Zumindest in der Theorie. Wie Sport bei Integration helfen kann und wann nicht.

Mit Gürkan Bora haben wir in unserer Webserie über Arbeit gesprochen.

„Sport ist der Motor für Integration in die Gesellschaft.“ Diesen Satz hört man von Sportfunktionären häufig. Der Motor scheint jedoch durch die Özil-Debatte ins stocken zu geraten. Auch einige Sportvereine gefährden die Integration, wenn sie sich nicht für andere Kulturen öffnen – deutsche wie türkisch geprägte Vereine. Doch es gibt Lösungen.

„Ich bin Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Immigrant, wenn wir verlieren“, schrieb Fußballer Mesut Özil in einer Stellungnahme, in der er auch seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekannt gab.

Dieser Satz löste eine Debatte über Alltagsrassismus aus, die weit über den Sport hinaus reichte. Dabei galt die Nationalelf bis dahin als Vorzeigeobjekt für gelungene Integration durch Sport. Bei der Fußballweltmeisterschaft 2010 hatten von den 21 deutschen Spielern immerhin 11 einen Migrationshintergrund.

Der Sport ist in allen Gesellschaften mit das wichtigste Mittel der Integration. In tausenden Sportvereinen gehen Deutsche, Migranten und Flüchtlinge gemeinsam ihrer Lieblingssportart nach.

Von einigen kritisch gesehen sind die etwa 500 Migrantensportvereine in Deutschland. Das sind Vereine, deren Mitglieder überwiegend aus einer Migrantengruppe und zu denen kaum Deutsche zählen. Der Großteil sind Fußballvereine, die meisten davon mit türkischem Hintergrund.

Der Migrationsforscher Stefan Metzger geht jedoch davon aus, dass auch diese Migrantenvereine einen wichtigen Beitrag zur Integration leisten. Metzger hat die Studie „Das Spiel um Anerkennung – Vereine mit Türkeibezug im Berliner Amateurfußball“ veröffentlicht. In zahlreichen Interviews hat er unter anderem die Motive hinter der Gründung türkischer Sportvereine beleuchtet. Einer dieser Gründe: man wollte Sport in seinem vertrauten Freundes- und Familienkreis ausüben. Da Migranten sowohl in Mannschaften als auch in Gremien der Vereine wenig berücksichtigt wurden, schaffte man sich ein alternatives Angebot. „Die Leute fühlen sich in vielen gesellschaftlichen Teilbereichen diskriminiert – so auch im Fußball“, stellt Metzger fest. „Wenn man vom Verband nicht als gleichberechtigtes Mitglied angesehen wird, ist das auch eine Art von Diskriminierung.“ Diese Diskriminierung lässt sich auch weiter oben in den Verbänden erkennen: In den Präsidien der 21 Landesverbände des Deutschen Fußballbundes befinden sich unter den 220 Mitgliedern lediglich acht mit ausländischen Wurzeln.

Gefährden türkische Sportvereine die Integrationsarbeit?

Als weiteren Grund für die Gründung ethnischer Vereine gaben viele die Rücksichtnahme auf religiös-kulturelle Werte der Mitglieder an. „Mit der Kultur von Bratwurst und Kabinenbier konnten viele nichts anfangen“, erklärt Metzger. „Dabei reden wir nicht nur von religiös eingestellten Migranten, sondern auch von weniger Gläubigen. Für viele türkische Migranten gehört öffentlicher Alkoholgenuss eben nicht dazu. Auch der Genuss von Schweinefleisch fällt in diese Kategorie. Das hat im Gründungsmoment der Vereine oft eine große Rolle gespielt.“

Ein entscheidender Aspekt für die Integration ist die Einbindung der türkeistämmigen Jugendliche in die Vereine. Bei ethnischen Vereinen werden laut Metzger auch jene Jugendliche erreicht, zu denen andere Institutionen wie Schule und Sozialarbeit nur noch schwer Zugang bekommen.

Diese Selbsthilfe im Migrationsprozess zeigt Erfolg: Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft ermittelte, dass junge Menschen mit Migrationshintergrund im Vergleich zu Deutschen im Vereinssport nur geringfügig unterrepräsentiert sind. Während 47,6 Prozent der jungen Zuwanderer in Sportvereinen aktiv sind, kommen die Deutschen auf einen Wert von 54,8 Prozent. „Wenn man unter Integration eine Art von Teilhabe in gewissen gesellschaftlichen Bereichen wie Arbeitsmarkt oder Schulsystem auffasst, dann haben diese Klubs meiner Ansicht nach dafür gesorgt, dass ihre Mitglieder am organisierten Sport teilnehmen können. Unter diesem Aspekt hat es für mich auf jeden Fall zur Integration geführt“, findet Stefan Metzger.

Auffällig ist laut Zahlen des deutschen Jugendinstituts (DJI) allerdings das Geschlechterverhältnis bei türkeistämmigen Jugendlichen: Zwei von drei Jungen (67 Prozent) sind in einem Sportverein organisiert, demgegenüber ist aus religiösen und kulturellen Gründen nur jedes vierte Mädchen (25 Prozent) Mitglied eines Vereins.

Förderprogramme unterstützen die Vereine

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) fördert zusammen mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) integrative Projekte deutscher Sportvereine, die sich speziell an Menschen mit Migrationshintergrund richten. Name des Projektes, das 1989 ins Leben gerufen wurde: „Integration durch Sport“. Die Angebote der Vereine sollen Migranten nicht nur dazu ermutigen, sportlich aktiv zu werden, sondern sich dort auch ehrenamtlich zu engagieren. Migrationsforscher Metzger setzt auf Kommunikation: „Man muss in den Dialog treten, die Menschen müssen qualifiziert werden: Viele Mitglieder der türkischen Vereine kennen eine solche Vereinsmeierei gar nicht. Man muss die Menschen an das Ehrenamt heranführen.“

Außerdem soll laut DOSB durch die gemeinsame sportliche Betätigung von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund die gegenseitige Akzeptanz gestärkt werden. Des Weiteren möchte man das Bewusstsein für einen offenen Umgang mit anderen Kulturen in den Vereinen fördern.

Deutschlandweit nehmen über 750 Sportvereine an dem Projekt teil. Mehr als 4.000 Seminare, Workshops und Qualifizierungsmaßnahmen und etwa 4.000 ehrenamtliche Helfer umfasst „Integration durch Sport“ aktuell.

Um ihn am Laufen zu halten, muss der Integrationsmotor Sport also gepflegt werden. Manchmal reicht es da vielleicht auch, eine Geflügelbratwurst auf den Vereinsgrill zu legen, wenn ein türkisches Team zu Gast ist.

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