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USA | Ballade vom Vertrocknen

Das indigene Volk der Navajo verliert durch den Klimawandel seinen Pferdebestand und damit an kultureller Identität Kurz vor der Grenze zwischen Utah und Arizona, mitten auf dem Highway 163, teilen sich an einem Tag im August die Geister, trennt sich Traum von Realität. An keinem anderen Punkt ist die Aussicht auf das berühmte Monument Valley so grandios wie an diesem. Und von keinem anderen Punkt ist die Felsenformation so oft fotografiert und dann in Kalendern, auf Postkarten oder Postern abgebildet worden. Geradewegs scheint die Straße in auf- und absteigenden Asphaltwellen auf die roten Gesteinsmassive zuzulaufen, die wie monumentale Kunstwerke aus einer anderen Welt aufragen – Türme, Tafelberge, Kathedralen. Wer einen Parkplatz am Rand findet, steigt aus und schießt ein eigenes ikonisches Foto dieses landschaftlichen Wunderwerks. Stolze, elegante, heilige Tiere An diesem Augustnachmittag jedoch steigen Dutzende Menschen aus ihren Wagen, die keinen Blick für das Naturwunder haben, sondern sich mitleidig um ein am Straßenrand zusammengebrochenes Pferd scharen. Das Tier versucht vergebens, aus eigener Kraft wieder auf die Beine zu kommen. Sein Fell ist abgeschabt, die Haut spannt sich über den Rippen, die Beine knicken wieder und wieder ein. Es ist ein Anblick, dem man in den Wochen dieses heißen Sommers an vielen Orten im Reservat der Navajo-Indianer ausgesetzt ist. Rund 75.000 Pferde, einige zahm, die meisten wild, leben in der Navajo Nation, einem Revier, so groß wie Bayern, das sich über die Bundesstaaten Utah, Arizona sowie New Mexico erstreckt. Es ist der Wilde Westen Amerikas, die Kulisse für Western und andere Filme, Sehnsuchtsort für den alten Marlboro-Slogan von Freiheit und Weite. Die galoppierenden Pferde, der Staub unter ihren Hufen und im Hintergrund stets eine rötliche Bergkette, so war es schon immer, und so sollte es eigentlich bleiben. Seit Jahrhunderten leben die Pferde hier – sie kamen wahrscheinlich mit den spanischen Eroberern Mittelamerikas, und auch deshalb sind sie den Navajo heilig. Sie haben ihnen Balladen komponiert, sie besingen ihre Wildheit, ihren Stolz und ihre Eleganz. Und gegen alle Widerstände haben sie bislang verhindert, dass die Anzahl der Pferde je durch externe Einflüsse dezimiert wurde. Im Jahr 2006 erließ die Regierung in Washington ein Gesetz, mit dem das Schlachten von Pferden verboten wurde. 2011 hob man es zugunsten begrenzter Tötungslizenzen wieder auf. Das Dekret ist seither Gegenstand vieler gerichtlicher Auseinandersetzungen, die zumeist von Tierschutzverbänden angestrengt werden. Andere Native-American-Nationen haben von den Schlachtlizenzen Gebrauch gemacht – nur die Navajo blieben stets verhalten. 2013 veröffentlichte die Nohooka Dine, die Versammlung der Navajo-Ältesten und -Medizinmänner, eine Resolution, mit der sie sich gegen die Schlachtung der Tiere aussprach. Es hieß darin: „Das Pferd ist unsere Medizin und hat uns geholfen, viele schwere Zeiten zu überstehen. Es muss mit Respekt behandelt und verehrt werden für seinen heiligen Platz in der Schöpfung. Pferde besitzen dasselbe fundamentale Recht auf Leben wie wir Fünf-Gefingerten. Die Gefangennahme und das angestrebte Töten dieser Pferde bedeutet die Zerstörung unserer spirituellen und kulturellen Lebensweise.“ Nicht allein die Angst vor dem Verlust ihrer spirituellen Tiefe treibt die Navajo zum Widerstand; in der Vergangenheit haben sie die fast völlige Ausrottung der Büffel durch die Weißen erfahren, und das Misstrauen gegenüber deren Eingreifen sitzt noch immer sehr tief. Dieser Gegenwehr steht freilich seit vielen Jahren der Schaden gegenüber, den die Tiere anrichten, indem sie kostbare Grasflächen abweiden und Wasserlöcher zertrampeln. Die Pferde stehen in Konkurrenz zum Nutzvieh, vor allem zu den Schafen, von deren Produkten die Navajo oft leben. Umweltverbände schätzen: Das Ökosystem kann höchstens 30.000 Tiere verkraften. Im Notstand Doch nun, im schlimmsten Jahr einer Dürre, die im Navajo-Land bereits ein Jahrzehnt lang andauert, sterben die Pferde in großer Zahl, und mit jeder weiteren heißen Sommerwoche steigt die Todesrate. Schätzungsweise 300 Tiere sind bereits verendet, ihre Kadaver liegen in den endlosen Weiten des Reservats, in den Wasserlöchern, die häufig nur noch ein Schlammpfuhl sind, und in denen die Tiere rettungslos feststecken, bis sie eingehen. Oder sie sterben direkt am Straßenrand. Seit gut einem Jahr ist kein Tropfen Regen mehr gefallen, sind die Flüsse, Grasweiden und Büsche vertrocknet, nur das Grün der Wacholderbäume durchbricht das Rot und Gelb der Erde und das Braun oder Grau einer verdorrten Vegetation. Noch am späten Nachmittag liegen hier die Temperaturen bei über 40 Grad. Und nirgends finden die Tiere Wasser. Dieses Jahr ist für die Navajo der Höhepunkt einer Katastrophe, die seit den 1990er Jahren ihren Lauf nimmt – der Klimawandel. Interviews, die das Institut US Geological Survey (USGS) mit den Ältesten führte, zeigen, dass die Navajo seit über zwei Jahrzehnten das Austrocknen der Flüsse, das Ausbleiben von Regen und Schnee, das Wandern der Dünen und steigende Temperaturen beobachten. Manche Flüsse führen seit Jahren kaum noch Wasser, die Wanderdünen verschlingen Straßen und Felder, sodass zwei Drittel des Landes der Navajo mittlerweile von Sand bedeckt sind. Der Wandel des Ökosystems bedroht ihre Lebensweise in einem Maße wie zur Zeit der Vertreibung durch die Weißen. Die Nation der Navajo ist ein Staat im Staate. Sie ist mit 25.000 Quadratkilometern das größte Reservat in den Vereinigten Staaten, das weit von allen urbanen Zentren entfernt liegt. Von Salt Lake City, der Hauptstadt Utahs, bis an den Rand des Reservats braucht man sieben Stunden mit dem Landrover. 1868 wurde das Gebiet den Bewohnern vertraglich zugesichert, nachdem man sie aus ihren angestammten Lebensräumen vertrieben hatte. Was den Navajo an Landschaft zugeteilt wurde, besteht größtenteils aus einer Sandsteinwüste, durch die ausgetrocknete Täler und lang gezogene Bergketten verlaufen. Vertreten werden die etwa 300.000 Bewohner durch eine eigene Regierung mit eigenem Präsidenten. Diese Administration verwaltet die Nation quasi autonom. Sie verfügt über eine autarke Polizeigewalt, eigene Gefängnisse und Implementierungsstrukturen. Diese politische Selbstbestimmung der Navajo wird von wirtschaftlichen Standards flankiert, die denen eines Entwicklungslandes ähneln. Die meisten sind Viehzüchter und betreiben in bescheidenem Maße Gemüseanbau für den privaten Verzehr. Sie leben selten in Dörfern, sondern als Einsiedler verstreut und oftmals in großer Isolation. Diese hat es ihnen zwar ermöglicht, ihre Traditionen und Weltsicht zu erhalten und sich einer Assimilierung zu widersetzen, doch zum Preis von Entbehrung und Not. Mehr als die Hälfte der Bewohner leben unterhalb der Armutsgrenze, und es gibt kaum Möglichkeiten, einem vorgegebenen Schicksal zu entfliehen. Geld lässt sich lediglich im Tourismus verdienen oder als Arbeiter in einer der vielen Minen, doch auch deren Zeit ist langsam vorbei. Die Navajo-Regierung hat weder die finanziellen Ressourcen noch den politischen Willen, etwas zu ändern. Arbeitslosigkeit und Analphabetismus sind ebenso verbreitet wie Kriminalität und Krankheiten. Von 1944 bis in die 1960er Jahre hat der amerikanische Staat auf dem Gebiet der Navajo Uran abgebaut und die Bewohner als Mineros beschäftigt, von denen viele gesundheitlich schwer geschädigt wurden. Bis heute sind manche Regionen im Reservat No-Go-Areas, weil der Boden verseucht ist. Wo kaum Menschenrechte durchzusetzen sind, fehlen erst recht die Ressourcen für einen wirksamen Tierschutz. Zuweilen wird Schlachtvieh nach Mexiko verkauft, sofern es dagegen keine kulturellen Widerstände oder Proteste von Tierrechtsorganisationen gibt. Die Folgen des Klimawandels wie die extreme Dürre dieses Sommers zeigen nun deutlich, was bislang verdrängt wurde: Die Navajos können den Pferdebestand nicht länger schützen, die Tiere nicht angemessen versorgen. Einheimische und Tierschützer füllen seit Wochen Wasserbassins und bringen Heu. Die eigentlich menschenscheuen Pferde sind so durstig, dass sie die Nähe der Menschen dulden. Doch die Zahl der Tiere, die sich an den Tränken drängen, ist zu groß, längst sind die Tierschützer überfordert. Über 40 Prozent der Navajo haben zudem selbst keinen direkten Zugang zu Trinkwasser und müssen mit Tankwagen versorgt werden. Emy Zah, Sprecher der Navajo Nation, ist jemand, der sich sonst eher mit Politik oder sozialen Konflikten befassen muss, selten mit Tierrechten. In diesen Tagen der großen Hitze steht sein Telefon kaum still, rufen fast alle amerikanischen Sender an, um zu hören, was die Navajo gegen das Sterben unternehmen wollen, Zah sagt dann, man könne nicht über Nacht Abertausende von Pferden evakuieren. „Wir betrachten die wilden Pferde als heilige Tiere. Sie zu dezimieren, das hieße, unsere kulturellen Werte zu schleifen. Andererseits haben wir Tausende von Tieren, um die sich niemand kümmert. Es ist ein Balanceakt.“ Die Abhängigkeit der Navajo von der Natur, ihre enge spirituelle Verknüpfung mit „Mutter Erde“, mit Armut und Isolation machen dieses indigene Volk in Zeiten des Klimawandels besonders verwundbar. So unterschrieb Russell Begaye, Präsident der Navajo Nation, im Februar eine offizielle Notstandsdeklaration, in der Maßnahmen benannt wurden, um dem Aderlass durch Trockenheit und steigende Temperaturen zu begegnen. Mit dieser Deklaration wurde der Weg für eine Zusammenarbeit mit anderen Nationen und der Regierung in Washington geebnet. Ob jedoch dieses Zusammenwirken schnell genug zustande kommt, um auch die Pferde der Navajo zu retten, hängt vom Willen vieler Seiten ab.Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.

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