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Vitrine | Ganz vorne im Stau

Deutschland, Technikland! Läuft, läuft und läuft bei uns! Der Mythos stirbt. Wir müssen wieder vorwärts denken Donald Trump will die moderne Welt möglichst alt aussehen lassen. Überkommene Männerbilder pflegt er ebenso wie den Wiederaufbau der Stahlindustrie, die Neuauflage alter Handelskriege und die andauernde Verklärung des großen alten Amerikas als Hoffnung für die Zukunft. Die mythische Klitterung des Alten als Vision für das Neue ist eine bekannte Rhetorik der Macht. Aber Trump schwelgt nicht nur in Worten, er will die USA auch real restaurieren. In Deutschland runzeln wir darüber die Stirn. Dabei müssen auch wir uns fragen, wie viel vom „Früher war alles besser“-Denken unsere eigenen Hirnwindungen beherrscht. Wir sind so begeistert über unsere Autoindustrie wie ein Kind zu Weihnachten von der Carrera-Bahn: Wir erzählen uns, dass ein VW „läuft und läuft und läuft“ und wie der Mercedes-Stern die Welt eroberte. Wie einfach war alles noch, als Opa und Papa bei Opel Schicht schoben und dem Nachwuchs erklärten, dass die Sicherheit der deutschen Autoindustrie die Sicherheit eines deutschen Lebens sei? Dabei müssten wir es besser wissen. Welche und welcher Deutsche konnte sich in den 80er Jahren vorstellen, dass man irgendwann nicht mehr das Telefunken- oder Grundig-Gerät einschalten würde, sondern Samsung oder JBL, und dass geringere Einkommensgruppen irgendwann nicht automatisch auf Polo oder Golf setzen, sondern auch KIA oder Toyota fahren, dass der Stern, das blau-weiße Auto-Logo und selbst ein Porsche für Reiche irgendwann nicht mehr alternativlos gegenüber einem luxuriös-gemütlichen Jaguar, einem Land Rover SUV oder einem Lexus stehen? „Made in Deutschland“, das sind heute vielleicht noch mechanisch perfekt verarbeitete Maschinen, mit denen überall in der Welt Objekte zusammengebaut werden, die nicht mehr auf die Marke Germany, sondern auf den nationalen Mythos anderer Nation einzahlen. Die Welt fragt nach iPhone oder Samsung, nach MacBook oder Sony „Vario“. Selbst unseren Kaffee trinken viele bei Starbuck’s und nicht bei Jacobs. Neckermann und der Otto-Versand haben Amazon unterschätzt, Grundig und Telefunken die Digitalisierung und die technischen Innovationen à la Bose. Und bei E-Mobilität denken wir weniger an den neuen Golf als an Toyota oder Tesla. Zur Wahrheit gehört eben auch, zu verstehen, dass wir in Deutschland uns viel zu lange auf nationalen Mythen der Vergangenheit ausgeruht haben und sie, ebenso wie Donald Trump den Rust Belt, in die Zukunft retten wollen. Etwas Gerechtes und Geniales Große Teile der Politik und der Wirtschaft scheinen mindestens so rückwärtsgewandt zu denken wie der US-Präsident. Ob Donald Trump mit seiner Wirtschaftspolitik erfolgreich sein wird, steht in den Stars and Stripes. Für die deutsche Politik sollte das auch keine Rolle spielen. Stattdessen müsste es viel mehr darum gehen, Wege in eine Zukunft zu suchen, die sich nicht automatisch dem weltweiten Dumping-Markt unterwirft und in der Arbeit und Arbeiter neu definiert werden, als innovative Leistungsträger, die international solidarisch agieren. Nicht, um am Alten festzuhalten, sondern um etwas Neues, Gerechtes und Geniales zu erfinden. Genau das hat die Autoindustrie viel zu lange verpennt. Klar, heute ahnt man, dass E-Mobilität, Hybridfahrzeuge oder ganz andere Antriebsmöglichkeiten den Markt der Zukunft bestimmen werden. Einen Markt, auf dem Autohersteller aus anderen Ländern allerdings schon viel weiter sind. Ebenso wie beim autonomen Fahren oder bei der Integration digitaler Daten. Es ist Google und nicht Mercedes oder Volkswagen, das ein Auto vorzustellen plant, das so revolutionär sein könnte wie einst das iPhone. Und hier kommt nun auch die deutsche Politik ins Spiel. Es ist verständlich, dass ein deutscher Wirtschaftsminister die Interessen der deutschen Wirtschaft vertritt. Was aber, wenn diese Interessen längst Auslaufmodelle sind? Rückwärtsgewandt? Wenn Sie anachronistischer daherkommen als so manche „Vision“ von Donald Trump für den Rust Belt? Namen wie Ludwig Erhard, Karl Schiller, Helmut Schmidt und selbst Otto Graf Lambsdorff sind heute selber Mythen wie Mercedes, VW oder Audi – sie stehen zum einen für eine innovative deutsche Industrie, zum anderen für eine soziale Marktwirtschaft, die zwischen Arbeitern wie Arbeiterinnen und Unternehmern vermittelte. Wie unbedeutend deutsche Politiker inzwischen geworden sind, hat ihnen US-Botschafter Richard Grenell gerade vor Augen geführt. Zwar sitzen in allen Aufsichtsgremien der Autoindustrie hochrangige Politiker, aber statt Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) zu treffen, um Ruhe in den Handelsstreit zu bringen, rief US-Botschafter Grenell lieber die Chefs von Daimler, BMW und VW zu einem Geheimtreffen, bei dem er ihnen offenbarte, dass Donald Trump am liebsten auf alle Autozölle in Deutschland und in den USA verzichten würde. Klar, dass diese Hemdsärmeligkeit bei Dieter Zetsche, Harald Krüger oder Herbert Diess gut ankam, sie sich prompt für die sogenannte Nulllösung aussprachen und Peter Altmaier ziemlich verloren dastand. Dass die Automobilindustrie radikal umdenken muss, ist kein neuer Gedanke. Jeder, der an einem Freitag von Bremen nach Kiel fährt, der samstags mit dem Auto in deutsche Innenstädte will oder der das Gepäck für den Sommerurlaub in den Kofferraum packt und – egal, ob im Porsche oder im Subaru – im Stau steht, weiß, dass neue Mobilitätskonzepte hermüssen. Aber Deutschlands Politiker reden lieber von Feinstaub-Messwerten, verbieten Verkehr auf der einen Straße, um ihn auf eine andere umzulenken, oder planen, die Parkplätze in den Innenstädten teurer zu machen oder ganz abzureißen. Ausgerechnet in der Mercedes-Stadt Stuttgart zahlt man für das günstigste Jahresticket für die Öffentlichen 667 Euro, in Berlin allein für die Zonen A und B 728 Euro. Wie innovativ ist dagegen eine Stadt wie Wien: Hier kostet ein Jahresticket 365 Euro, einen Euro pro Tag! Der Effekt seit Einführung des neuen Preises 2012 ist erstaunlich: Die Fahrgastzahlen in Wien sind von 373.000 auf 780.000 gestiegen. Ein Deal, der grundlegend dazu beiträgt, dass Wien alljährlich das Ranking der lebenswertesten Städte anführt – ein moderner Mythos einer modernen Stadt. Das mag nur eine Kleinigkeit sein, aber wer über die Krise der deutschen Automobilindustrie redet, über Trumps Wirtschaftspolitik, Abgasskandale und Handelszölle, sollte wohl auch kurz überlegen, ob gute Lösungen immer in den Konzepten der Vergangenheit liegen. Den Untergang einer nationalen Industrie – auch das musste Deutschland schon oft lernen – kann kein Aufsichtsrat, kein Politiker und auch keine Gewerkschaft abwenden. Aber jede Krise ist auch eine Chance, die eigenen nationalen Mythen auf den Prüfstand zu stellen, das Gestrige in die Museumsvitrine zu packen, um es als Leistung der Vergangenheit bewundern zu können, und Platz für etwas wirklich Neues zu schaffen – für das, was den Mythos Deutschland in Zukunft ausmachen könnte. Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.

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