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Voller Ungereimtheiten: Londons Behauptungen über russische Agenten im Fall Skripal

Am Mittwoch gaben britische Behörden die Namen zweier Tatverdächtiger im Fall Skripal bekannt. Es soll sich um zwei Russen handeln. Während die Ermittler erklärten, dass sie keine Beweise hätten, die die russische Regierung mit den Verdächtigen in Verbindung bringen, behauptete Premierministerin Theresa May, dass es sich bei den beiden Männern um Offiziere des russischen Militärgeheimdienstes GRU handele. Sie berief sich dabei auf Informationen der britischen Geheimdienste, die aber nicht öffentlich gemacht werden könnten.
Die beiden Tatverdächtigen sollen am 4. März im englischen Salisbury ein Attentat auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergei Skripal und seine Tochter Julia verübt haben, indem sie an der Türklinke des Hauses von Sergej Skripal das einst in der Sowjetunion entwickelte Nervengift Nowitschok anbrachten. Die Skripals überlebten den Anschlag, für den London von Anfang an Russland verantwortlich machte.

Die Angaben der Ermittler zu den beiden Russen – es soll sich um einen gewissen „Alexander Petrow“ sowie um einen „Ruslan Boschirow“ handeln – und den Tatumständen sind jedoch voller Widersprüche und Ungereimtheiten. Diese beginnen schon mit der angeblichen Tatwaffe: ein Parfümfläschchen der Marke Nina Ricci, wobei es sich laut Behördenangaben um eine Produktfälschung handeln soll. Die Täter haben demnach das Fläschchen in Salisbury entsorgt, nachdem sie das Nowitschok an der Türklinke angebracht hatten.
Die Tatwaffe soll dann Monate später der 45-jährige Charlie Rowley in Salisbury gefunden haben – wo genau, daran konnte sich der Heroinabhängige nicht mehr erinnern. Er nahm das vermeintliche Parfüm an sich, um es später seiner Freundin Dawn Sturgess zu schenken.
Mehr zum Thema – Der Geist aus der Parfumflasche – Täglich mehr Ungereimtheiten zur Nowitschok-Vergiftung in Amesbury
Ende Juni erkrankte das im nahegelegenen Amesbury lebende Paar infolge der Öffnung des Fläschchens, Sturgess starb schließlich am 8. Juli an den Folgen des Nervengiftes. Laut der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) enthielt das Parfüm dieselbe Substanz, mit der die Skripals vergiftet wurden.
Und hier beginnen die Widersprüche: Wenn das Parfümfläschchen für das Attentat auf die Skripals genutzt wurde, warum war laut der Beschreibung von Rowley die Verpackung noch verschlossen und in einer Plastikfolie eingehüllt? Nur weil er es für unbenutzt hielt, hatte Rowley es seiner Freundin schenken wollen. Dessen Bruder Matthew Rowley sagte gegenüber Medien:

Er erzählte mir, dass sie etwas gefunden haben, das wie ein Parfümflakon aussah. Dawn sprühte den Inhalt auf ihre beiden Handgelenke und rieb diese aneinander, wie man es bei Parfüms macht. Charlie sagte, dass sie ihm dann die Flasche gab, und irgendwie zersplitterte sie oder zerbrach in seinen Händen. So muss er kontaminiert worden sein.

Das von den Behörden präsentierte Parfümfläschchen weist jedoch keine solche Schäden auf.

                Quelle: Reuters

Aus einem Gel wird ein Spray
Zudem hatte es bis zur Erkrankung von Rowley und Sturgess offiziell geheißen, dass das Nowitschok in Form einer gelartigen Substanz an der Türklinke angebracht wurde. Das sollte ein Haftenbleiben gewährleisten. Es sei speziell nicht nur für das Anbringen an Türklinken entwickelt worden, sondern auch zur Übertragung über die Haut – üblicherweise wird das Nervengift eingeatmet. Außerdem soll es so beschaffen gewesen sein, dass es seine im Normalfall unmittelbar eintretende tödliche Wirkung erst nach Stunden entfaltet, um den Angreifern genug Zeit zu geben, das Land zu verlassen.

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So erklärte eine Quelle aus Ermittlerkreisen Anfang April gegenüber der Daily Mail:

Der Kreml wollte seine Agenten aus Großbritannien schaffen, bevor das Nowitschok identifiziert werden konnte. Daher reduzierten sie dessen Toxizität und benutzten es in Gelform und nicht als Gas – hätten die Skripals das Nervengift eingeatmet, wären sie sehr schnell gestorben.

„Das Nervengift müsse so ausgelegt sein, dass es am Türgriff verbleibt und dann zuverlässig auf die Hand der Zielperson übertragen werden kann“, berichtete die New York Times unter Berufung auf den Chemiewaffenexperten Richard Guthrieso. Der führte dazu aus:

Damit es am Türgriff haften bleibt, müsste es so hergestellt worden sein, dass es sich beim Handhaben des Türgriffs überträgt, aber nicht zu schnell löst. Das ist komplizierte Chemie.

Nach dem Vorfall von Amesbury war plötzlich von einem Gel keine Rede mehr. Die Behörden versuchten nicht einmal, diesen Widerspruch zu erklären – war es doch nur eine weitere „Korrektur“ der zahlreichen Versionen, die über den Tathergang in die Welt gesetzt wurden.

Und keiner hat’s gesehen: Attentat am helllichten Tag 
Am stärksten sticht aber folgender Widerspruch hervor: Ein Parfümflakon ist kein hermetisch abgedichteter Behälter und damit für den Transport des tödlichsten jemals entwickelten Nervengiftes völlig ungeeignet. Dennoch bezeichnete Neil Basu, Chef der Terrorabwehr der Polizei, den Parfümflakon als „die perfekte Transportmethode für den Angriff“.

Dieser soll sich am helllichten Tag ereignet haben, kurz nachdem die beiden Verdächtigen gegen 12 Uhr mittags in Salisbury eintrafen. Ermittler gingen zunächst jedoch davon aus, dass das Nowitschok frühmorgens aufgetragen worden sei, wie die Daily Mail Anfang April berichtete:

Russische Agenten beobachteten Sergej Skripal zwei Wochen lang und entschieden sich, an einem Sonntagmorgen zuzuschlagen, sodass keine Postboten oder Zusteller versehentlich dem Nervengift ausgesetzt sind. Hätten Dritte den Türgriff vor den Skripals berührt, hätte das Gel erneut auf den Türgriff aufgetragen werden müssen, auf die Gefahr hin, dabei gesehen zu werden.

„Bisher war man davon ausgegangen, dass sie das Haus um 9.15 Uhr verließen und nicht dorthin zurückkehrten, bevor sie am Nachmittag erkrankten“, fuhr die Zeitung fort, die sodann Neuigkeiten zu enthüllen hatte: „Laut Sicherheitsquellen kehrten die Skripals um 11.30 Uhr in das Haus zurück.“
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Dann müssten sie aber daheim gewesen sein, als die vermeintlichen russischen Agenten das Attentat ausführten. In späteren Medienberichten vom April hieß es, die Skripals seien um 12.30 Uhr zurückgekehrt. Dann bliebe nur ein kleines Zeitfenster von einer halben Stunde, in dem die Täter unbemerkt das Haus aufsuchen konnten. Gegen 13.30 Uhr sollen Sergej und Julia Skripal das Haus dann wieder verlassen haben, heißt es inzwischen.
Gesichert ist jedoch nur – anhand von Aufnahmen von Überwachungskameras –, dass die Skripals um 9.15 Uhr in Salisbury und dann wieder um 13.30 Uhr in ihrem Fahrzeug gesichtet wurden. In der Zeitleiste der Polizei vom 5. Juni klafft daher auch eine entsprechende Lücke. Wo sie sich in der Zwischenzeit aufhielten, darüber gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. „Das deutet darauf hin, dass die Skripals Salisbury am Sonntagmorgen verlassen hatten, und die Polizei will unbedingt wissen, was in jenen Stunden geschah, bevor sie krank wurden“, berichtete die Financial Times.
Selbst unter der Annahme, dass es den beiden tatverdächtigen Männern gelang, in dem kurzen Zeitfenster das Nervengift anzubringen, so bleibt die Frage, wie sie das unbemerkt angestellt haben sollen. Denn das Tragen von Schutzkleidung gilt als unabdingbar, um sich nicht der Wirkung des Nowitschoks auszusetzen. Der Polizist Nick Bailey erkrankte, nachdem er die Türklinke angefasst hatte – trotz Tragens eines Schutzhandschuhs.
Unbedenklich für Gäste: Nowitschok im Hotelzimmer
Was zum nächsten Widerspruch in der Darstellung der Ermittler führt. Neben der zeitlichen und räumlichen Nähe zum Attentat konnten diese nur auf einen Punkt verweisen, der die beiden mutmaßlichen Russen mit der Tat in Verbindung bringt: In ihrem Hotel in London seien Spuren von Nowitschok entdeckt worden.

An zwei zur Untersuchung eingesetzten Wattestäbchen („swabs“) hätten sich Reste des Nervengiftes befunden. Bei der weiteren Entnahme von Proben seien die Resultate aber negativ ausgefallen. „Wir glauben, dass die erste Probeentnahme mit den Wattestäbchen die Kontamination entfernt hat, so gering waren die Spuren von Nowitschok in dem Raum“, gab die Polizei bekannt. Infolge der Tests hätten Experten das Hotelzimmer als sicher und unbedenklich für Gäste eingestuft.
Das steht in Kontrast zu allen vorherigen Aussagen über das Nervengift, wie beispielsweise der Independent ausführt:

Nowitschok-Nervengifte können nach dem Gebrauch lange Zeit in der Umwelt verbleiben, und Menschen könnten leicht durch kontaminierte Gegenstände vergiftet werden, warnen Experten.

Die Angaben der Polizei zum Nowitschok in dem Hotelzimmer, dem auf wundersame Weise niemand anderes zum Opfer gefallen ist und dessen Überreste von zwei Wattestäbchen vollständig aufgenommen worden sein sollen, sind alles andere als plausibel.
Dumm und Dümmer: Geheimdienstagenten missachten Vorsichtsmaßnahmen
Der Brite Ian Shilling, der kürzlich zur Zielscheibe antirussischer Fake News wurde, wies auf Twitter auf weitere Widersprüche hin, die gegen die These von zwei professionellen russischen Geheimagenten sprechen.
Da wäre deren merkwürdiges Bewegungsprofil zu nennen. Statt sich direkt ein Hotel in Salisbury zu nehmen, nahmen sie sich eine Unterkunft im entfernten Ost-London. Statt nach Ankunft am Flughafen einen Mietwagen zu nutzen, nahmen sie öffentliche Verkehrsmittel und waren somit ständig für die Überwachungskameras sichtbar.
It would only take 2 hours to travel to Salisbury from Gatwick Airport – why go all the way out to East London on public transport where you can easily be spotted?It they were Russian spies, FSB would have had a car waiting for them at Gatwick Airport.#PMQs#Skripal#FalseFlagpic.twitter.com/BaRma0Uxr2— Ian56 (@Ian56789) 5. September 2018
Zudem flogen sie kurz nach dem Attentat auf direkten Weg zurück nach Moskau, als wollten sie Ermittler unbedingt auf ihre Fährte setzen. Der ehemalige Kreml-Berater Alexander Nekrassow brachte diese Ungereimtheiten gegenüber Sky News auf den Punkt:
„A professional operative wouldn’t dump novichok.“Russian journalist Alex Vassiliev says he doubts the Salisbury poisoning suspects were Russian agents.Follow live updates here: https://t.co/IsrybpF834pic.twitter.com/OXOf05x4Xx— Sky News (@SkyNews) 5. September 2018

Der erste Eindruck, den ich gewonnen habe, ist, dass diese beiden Leute keine Profis sind. Es tut mir leid, aber zwei professionelle Killer eines spezialisierten Geheimdienstes würden nicht direkt von Moskau nach London reisen und dann in dem Wissen herumlaufen, dass es in Salisbury überall Kameras gibt, und dann wieder direkt nach Moskau fliegen.
Ich bin sehr überrascht, dass diese angeblich gut ausgebildeten GRU-Agenten nicht einmal ihre Identität verheimlicht haben, nicht einmal Make-up oder ähnliches benutzt haben, um ihr Aussehen zu verändern. Es ist, als würde man zu ihnen sagen: ‚Warum winkst du nicht gleich mit einer russischen Flagge?‘ Im Moment gibt es mehr Fragen als Antworten.

Auch ohne Motiv: Wunder geschehen

Zu diesen zählt auch, warum die britischen Behörden die Passfotos der beiden Verdächtigen veröffentlichten und nicht die Fotos ihrer Einreisevisa, die zwecks biometrischer Erkennbarkeit deutlich bessere Qualität haben müssten. Laut den Behörden reisten die beiden Russen mit echten Pässen, aber falschen Namen ein. Woher wissen sie das so genau? Welche Namen wurden auf den Visa-Anträgen angegeben? Zur Visa-Erteilung werden auch Fingerabdrücke genommen sowie unter anderen Angaben zum Wohnort, zur Arbeitsstelle und Einkommensverhältnissen erhoben. Alles wichtige Daten, um die Verdächtigen in Russland zu ermitteln. Die britischen Behörden werden schon einen Grund dafür haben, warum sie der Anfrage Moskaus nicht nachkommen, die Visa-Unterlagen zu überreichen.
Das stärkste Indiz dafür, dass London die Öffentlichkeit zum Narren hält, ist die Tatsache, dass die Skripals den Anschlag mit dem tödlichsten Nervengift überlebt haben, das dazu noch laut OPCW in „reinster Form“ verabreicht wurde und das laut London in einer bis dato unbekannten, speziell für Mordanschläge entwickelten Variante verwendet worden sein soll. Die behandelnden Mediziner sprachen von einem „Wunder“.
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Wahrscheinlicher als ein Wunder ist jedoch, dass die britische Regierung lügt. Selbst ein halbes Jahr nach dem Attentat kann sie nicht einmal ein plausibles russisches Motiv benennen. Nach einem solchen befragt, geriet Premierministerin Theresa May zunächst ins Stottern, um dann zu erklären:

Es obliegt mir nicht zu beschreiben, was das Motiv hinter der Verbindung des russischen Staates zu diesem Fall ist. Ich habe den Verdacht, dass sie eine Botschaft überbringen wollen – an die Russen, die woanders leben, und die involviert waren in Dinge, die in Verbindung mit dem russischen Staat stehen. Und das ist der einzige Grund, den ich mir vorstellen kann.

Es sei an Russland, sein Motiv für das Attentat zu erklären, so May, die damit das rechtsstaatliche Prinzip der Beweislast über Bord wirft.

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