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Wende | Die Jammerossi gibt’s nicht

Männer aus der DDR sind häufig tiefer gefallen als Frauen. Denn wer stürzt, muss zunächst mal oben gestanden haben In die Falle sind wir fast alle getappt in den Wochen, Monaten und Jahren nach der Wende. Wir haben uns in Verliererinnen und Verlierer und Gewinner dividieren lassen. Im schlimmsten Fall durch Selbstbezichtigung. Bei Gewinnern gab es die stillschweigende Übereinkunft, dass die männliche Form genügt und dass sie meistens aus dem Westen kommen. Unser hin und wieder empfundenes Unbehagen über den Satz, Frauen seien die Verliererinnen der deutschen Einheit, haben wir damit beruhigt, dass wir das jeweilige Ausmaß der Niederlage differenzierten. Da waren die Frauen, deren Betriebe abgewickelt wurden und die als zu alt für den neuen Arbeitsmarkt galten. Die, deren Studienabschlüsse nicht anerkannt wurden, und jene, die keine Lehrstelle fanden oder alleinstehend mit Kindern ihren Lebensunterhalt bestreiten mussten. Die in der DDR geschiedenen Frauen, denen der Versorgungsausgleich vorenthalten und ein Rentensystem übergeholfen wurde, das sie in Altersarmut schickte. Die Lehrerinnen, die zu alt für eine Beamtinnenlaufbahn waren und zu jung für den Vorruhestand. Zwischen Herd und § 218 Die Frauen, die sich verwundert die Augen rieben, als sie eines Morgens in einer Zugewinngemeinschaft aufwachten – ob ihrer ökonomischen Unabhängigkeit, die zuvor so selbstverständlich war, dass die Idee eines Versorgungsausgleichs oder lebenslanger Unterhaltszahlungen durch den einstigen Ehemann geradezu absurd erschien. Jene, die der Deindustrialisierung ihrer Regionen nur durch beherztes Nomadinnentum entkommen konnten, und die, denen diese Möglichkeit nicht mehr offenstand. Frauen, denen der West-Paragraf 218 zum Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen die Entscheidungsfreiheit über ihre Familienplanung und ihren Körper stahl, und Frauen, die sich auf einem Arbeitsmarkt behaupten mussten, der sie wahlweise an den Herd oder in oft als sinnlos empfundene Umschulungen zur Floristin oder Bürokauffrau packte. Diese ganzen augenfälligen Verluste und Defizite haben uns die stehende Redewendung von den Verliererinnen eingebracht. Und nur selten haben wir uns die Frage gestellt, ob an diesem Knochen genug Fleisch hängt. Wer verliert, muss vorher besessen haben. An dieser Stelle ist kein Platz dafür, ausführlich darzustellen, dass die verfassungsmäßig garantierte und in guten Teilen auch umgesetzte Gleichberechtigung im real existierenden Sozialismus sehr wohl die Möglichkeit bot, sich zu emanzipieren. Vor allem ökonomisch. Das hat sich inzwischen hoffentlich herumgesprochen. Diese Unabhängigkeit, die es DDR-Frauen gestattete, einen Mann in die Wüste zu schicken, wenn sie ihn nicht mehr liebten, die Kinder allein groß zu machen, wenn es sein musste oder wenn sie es so wollten, während des Studiums Mutter zu werden und den Abschluss trotzdem in der Regelstudienzeit zu schaffen, konnte sich erst nach der Wende als hohes Gut erweisen. Vorher war sie selbstverständlich gewesen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf war in der DDR in fast jedem Fall möglich, der Preis dafür aber oft recht hoch. Er bestand unter anderem in der meist kleinbürgerlichen Arbeitsteilung in allen Care-Bereichen – die berühmte zweite Schicht und die damit einhergehende Doppel- und Dreifachbelastung der Fraumutterhausfrau. In der gläsernen Decke, die damals nicht so hieß. Sie existierte dennoch, so wie auch das Patriarchat in der DDR ungebrochen weiterlebte. Aber alles war übertüncht und zugekleistert mit einer ideologischen Rhetorik, deren sprachlich dümmste Zuspitzung in dem Satz „Bei uns steht die Frau ihren Mann“ bestand. Sie tat es, und als die Wende kam, wurden die erworbenen Fähigkeiten und das damit einhergehende Selbstbewusstsein überlebensnotwendig. In dem 1992 erschienenen Buch Ein Ende ist immer ein Anfang porträtierten Brigitte Grell und Carola Wolf 22 Frauen aus der DDR. Im Vorwort heißt es: „Das Leben von fast allen befragten Frauen hat sich durch die Wende grundlegend verändert. Trotzdem überwiegt die Zahl derer, die einen neuen Anfang wagten oder besser: die die Chance hatten, einen neuen Anfang wagen zu können. (…) Frauen, das hat sich immer wieder gezeigt, haben es in der ‚nachwendlichen‘ Zeit nicht leicht. Aber sie tun sich möglicherweise weniger schwer als Männer, die Vergangenheit abzustreifen und sich den realen Bedürfnissen zu stellen. Sie haben in den meisten Fällen weniger zu verlieren als die Männer oder gar nichts zu verlieren, das macht sie ganz offensichtlich freier, kritischer, wagemutiger für Veränderungen.“ Das ist der Kern. Es konnte 1992 sicher nur mit aller Vorsicht formuliert werden, aber schon damals zeichnete sich ab, dass die ostdeutschen Frauen wahrscheinlich nicht die Verlierer der deutschen Einheit sein würden. Was nicht heißt, dass sie nicht mit Verlusten klarkommen mussten. Aber wer abstürzt, muss vorher oben gestanden haben. Das klingt nach einer Binsenweisheit. Doch Tatsache ist, dass nach der Wende und in den ersten Jahren, als sich das neue und zugleich viel ältere ökonomische System alles einverleibte, was zu gebrauchen und zu verwerten war, vor allem die ostdeutschen Männer tief gefallen sind. Sie verloren Status, Position, Macht, Einfluss, Beziehungsgeflechte und Seilschaften – denn auch im Sozialismus, solange er real existierte, hatten im Wesentlichen Männer das Sagen. Nun aber waren sie nicht mehr gefragt, und was sie sagten, interessierte kaum jemanden. Nomadinnen der Flexibilität Die Kunstfigur des Jammerossis ist männlich. Sie war als Beleidigung und Herabsetzung gedacht, und wenn an ihr was dran ist, dann eben, dass der Begriff nur das männliche Pronomen verträgt. „Die Jammerossi“ klingt nicht nur, sondern ist falsch. In den Jahren nach der Wende trennten sich mehr Frauen als zuvor von ihren Männern. Die Scheidungsrate in der DDR war hoch, nun aber stieg sie in dem untergegangenen Land noch einmal erheblich. In einer Diplomarbeit aus dem Jahr 2005, die den Einfluss der Frauenerwerbstätigkeit auf die Ehestabilität untersuchte, kam die Verfasserin, Studentin an der Universität Rostock, zu dem Schluss: „Im Vergleich zu Westdeutschland war die Stabilität ehelicher Beziehungen in Ostdeutschland also signifikant niedriger. Neben der geringeren Verbreitung religiöser Bindungen und dem höheren Anteil ostdeutscher Frauen, die bereits eine Scheidung in der Elterngeneration erlebt hatten, war dafür in erster Linie die unterschiedlich starke Erwerbsbeteiligung ost- und westdeutscher Frauen verantwortlich.“ In dem kleinen Büchlein über das Ende, das immer auch ein Anfang ist, steht auch die Erzählung von Gislind H., die 29 Jahre alt war, als die Mauer fiel: „Ich erwarte jetzt, wenn ich nach Hause komme, dass bestimmte Dinge gemacht sind. Ich arbeite voll, habe eben jetzt die Rolle des Mannes, bei uns ist eben alles umgedreht.“ Diese kleinen Sätze verraten manches. Die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau war auch in der DDR und trotz Vollbeschäftigung und Gleichberechtigung nach Recht und Verfassung nie in Frage gestellt. Zugleich aber verhinderte die Art und Weise, wie Frauen in der DDR über ihr Leben, ihre Arbeit, ihre Familienplanung, ihre Karriere bestimmen konnten, dass sie zu den Verlierern der deutschen Einheit wurden. Sie hatten, wie Daniela Dahn in ihrem Buch Wehe dem Sieger! schrieb, einen Emanzipationsvorsprung. Allerdings wurde er durch das neue ökonomische System, in dem sie sich nach 1990 aufstellen mussten, recht schnell abgeschmolzen. 1992 waren 70 Prozent der in Ostdeutschland prekär Beschäftigten Frauen. Um sich ihrem „Schicksal“ nicht zu ergeben, wurden viele ostdeutsche Frauen Nomadinnen. Der eklatante Männerüberschuss in den neuen Bundesländern ist Ausdruck dieser Mobilität, die sich zwar aus ökonomischen Zwängen nährt, aber zugleich Ausdruck von Flexibilität ist, die den Ostdeutschen seit der Wende grundsätzlich abgesprochen wurde. Obwohl die Frauen aus einem paternalistisch-bevormundenden in ein patriarchal-kapitalistisches System wechseln mussten, haben sie sich gegen die drohende ökonomische Unfreiheit gewehrt. Und das trotz der Tatsache, dass Einigungsprozess, Einigungsvertrag und Ausgestaltung der größer gewordenen BRD eine fast reine Männerangelegenheit gewesen waren. Um Verliererinnen der deutschen Einheit sein zu können, hätten Frauen vorher Gewinnerinnen sein müssen. Bislang gab es noch kein einziges Gesellschaftssystem, das ihnen diese Rolle zugestanden hätte.
Kathrin Gerlof , geboren 1962 in Köthen, Sachsen-Anhalt, DDR, arbeitet als freie Autorin und Journalistin. Gerade erschien ihr Roman Nenn mich November (Aufbau)

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