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Wenn Politiker Witze erzählen: Seehofer empört Griechen mit Arroganz-Anfall

von Timo Kirez
Mit Humor ist es so eine Sache. Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard schrieb einmal, dass in unserer Zeit viel von Ironie und Humor die Rede sei – besonders von Leuten, die nie vermocht hätten, diese praktisch auszuüben. Da Kierkegaard schon 1855 in Kopenhagen verstorben ist, kann er unmöglich den aktuellen deutschen Bundesinnenminister Horst Seehofer gekannt haben. Der Vollblutpolitiker Seehofer entpuppt sich zunehmend als das, was die Angelsachsen gerne als eine „loose cannon“ bezeichnen. Wörtlich eine „lose Kanone“ an Deck eines Schiffes, bedeutet dieses Idiom sinngemäß so viel wie „unberechenbar“ oder „gemeingefährlich“.
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Nachdem er es fast geschafft hatte, die große Koalition zu versenken, betätigt sich Seehofer nun als losgelassene Stimmungskanone im bayerischen Wahlkampf. Nun mangelte es dem südlichsten Bundesland nie an Komikern, wie man sich gern an die grandiosen Karl Valentin und Gerhard Polt erinnert, doch offenbar hat Seehofer nun beschlossen, auch auf dem Gebiet des Humors sein persönliches Ankerzentrum zu errichten. So geschehen während einer Wahlkampfrede in Ingolstadt. Vorhang auf für den CSU-Parteivorsitzenden, der auf der Wahlkampfveranstaltung in etwa gesagt haben soll: „Die Bayern regierten Griechenland für eine Weile. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn es nicht vorübergehend gewesen wäre.“
Zumindest vermeldete das der auf der Veranstaltung anwesende Korrespondent des Magazins Politico, Matthew Karnitschnig per Twitter:
„Bavarians ruled #Greece for a time. Maybe it would have been better had it not been temporary,“ @CSU leader #Seehofer jokes to home crowd ahead of #Bavaria election pic.twitter.com/ieIIY5irko— Matthew Karnitschnig (@MKarnitschnig) 8. Oktober 2018
Die Empörung in Griechenland ist natürlich groß. Doch wovon sprach Seehofer genau? Ein kurzer Abriss (selten passte dieses Wort besser) der bayrisch-griechischen Geschichte: Nach dem Unabhängigkeitskrieg gegen das Osmanische Reich wurde der neu gegründete Staat Griechenland im Londoner Protokoll vom 3. Februar 1830 international anerkannt. Als im Oktober 1831 sein erstes Staatsoberhaupt, Ioannis Kapodistrias, ermordet wurde und es seinem Bruder und Nachfolger Augustinos Kapodistrias bis 1832 nicht gelang, die Lage zu stabilisieren, kam es zu einem Machtvakuum. Die sogenannten Signatarmächte der Unabhängigkeit Griechenlands, Großbritannien, Frankreich und Russland, intervenierten und schlugen der griechischen Nationalversammlung vor, einen europäischen Fürsten zum König zu wählen.
Die Versammlung entschied sich für den 16-jährigen Prinzen Otto von Bayern, nachdem zwei andere Prinzen die griechische Krone abgelehnt hatten: der spätere König der Belgier Leopold von Sachsen-Coburg-Saalfeld und Ottos Onkel Prinz Karl von Bayern. Der junge bayerische Monarch regierte dort bis 1862, bis er dann nach einem zweiten Aufstand – der erste fand schon 1843 statt – ins Exil musste. Griechenland blieb dennoch eine Monarchie bis 1973.
Schön und gut, könnte man jetzt sagen, dass sind doch olle Kamellen, was regen sich die Griechen so auf? Vermutlich hat die Aufregung weniger mit Prinz Otto und Bayern zu tun, als vielmehr mit der Tatsache, dass Horst Seehofer eben auch ein deutscher Minister ist. In diesem Zusammenhang sei an ein „zweites deutsches Intermezzo“ in Griechenland erinnert: Die brutalen Verbrechen Nazideutschlands während der Besetzung Griechenlands von 1941 bis 1944. Im April 2015 hatte die griechische Regierung 278,7 Milliarden Euro als Entschädigung für die Nazigräuel von Deutschland verlangt.
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Deutschland hatte schon 1960 griechische Opfer der NS-Verfolgung mit 115 Millionen Mark entschädigt. Unter der Bedingung, dass künftig keine weiteren individuellen Forderungen mehr zulässig sein sollten. Ein weiterer, etwas aktuellerer, Stimmungskiller zwischen Athen und Berlin dürfte die eisenharte Austeritätspolitik sein, die unter der Federführung Deutschlands dem EU-Partner Griechenland nach der Finanzkrise aufgezwungen wurde, mit zum Teil verheerenden Folgen für die ohnehin schon arg gebeutelten Griechen. Das alles hätte Seehofer wissen können, bevor er sich als Komödiant versuchte.
Oder er hätte an die weisen Worte Mark Twains – falls er sie kennt – denken können, der einmal treffend feststellte, dass die verborgene Quelle des Humors nicht Freude sei, sondern Kummer.

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