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Zeitgeschichte | 2008: Ein anderes Land

Barack Obama wird als US-Präsident gewählt. Die Verlierer schwören Rache, und die soll furchtbar sein. Dass es so kommen würde, dafür gab es reichlich Anzeichen Vom Gefühl her: Es kann gar nicht wahr sein, dass dieser Tag nur zehn Jahre zurückliegt. Am 4. November 2008 wählten die US-Amerikaner den 47-jährigen Barack Obama zum Präsidenten, es gab überwältigende Hoffnung damals. Die Freudentränen waren echt. Amerika habe sich neu erfunden, lobten deutsche Medien und sprachen von einer Zeitenwende. In Berlin waren Hunderttausende vier Monate zuvor zur Siegessäule gepilgert, als Kandidat Obama versprach, Schluss zu machen mit dem Unilateralismus des amtierenden Staatschefs George W. Bush. Man müsse Frieden sichern ohne Atomwaffen. Und das Klima retten. Spät in der Wahlnacht trat Obama, im dunklen Anzug mit der Nationalflagge am Revers, im Grant Park in Chicago zusammen mit Ehefrau Michelle Obama und den Töchtern Malia und Sasha vor geschätzte mehr als 200.000 Feiernde. Um 23 Uhr Ostküstenzeit hatten Fernsehsender verkündet, Obama sei die Mehrheit nicht mehr zu nehmen. Der erste afrikanisch-amerikanische US-Präsident. Der erste! Amerikaner staunten über sich selbst, dass sie diesen Meilenstein erreicht hatten. Obama erwähnte eine Wählerin, die 106-jährige Afroamerikanerin Ann Nixon Cooper, die zu einer Zeit auf die Welt gekommen sei, als sie wegen ihrer Hautfarbe und als Frau gar nicht habe wählen dürfen. Der republikanische Rivale John McCain (72) und seine Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin lagen abgeschlagen zurück. Obama: 69 Millionen Stimmen, McCain: 60 Millionen. Bei den Vorwahlen der Demokraten hatte Obama gegen die Senatorin und frühere First Lady Hillary Clinton gewonnen. Das war eine bittere Sache, der Wahlkampf gegen die erste Frau, die eine reale Chance hatte auf das höchste Amt der Nation. Obama hielt im Grant Park keine triumphierende Ansprache. Malia und Sasha versprach er einen Hund fürs Weiße Haus (sie bekamen einen schwarzweißen Welpen namens Bo), den Rest seiner Landsleute stimmte Obama ein auf schwierige Zeiten, stecke man doch in der „schlimmsten Finanzkrise des Jahrhunderts“. Die Investmentbank Lehman Brothers hatte im September Pleite gemacht, andere Geldinstitute wackelten, Millionen Menschen fürchteten um Jobs, Altersversorgung und die Hypothek fürs Eigenheim. Für viele war Obama in dieser Misere die personifizierte Hoffnung. Die USA seien keine Ansammlung von Individuen, hatte er häufig im Wahlkampf gesagt, sondern „die Vereinigten Staaten von Amerika und werden das immer sein“. Er selbst, mit einem Namen wie Barack Obama, sei ein Beweis, dass sich die Nation verändern könne. Weiter sagte der Gewählte im Grant Park: Die Finanzkrise habe gelehrt, „dass wir keine aufblühende Wall Street haben können, wenn die Hauptstraße leidet“. Das war Balsam. Endlich würde man nach acht Jahren mit George W. Bush und Vizepräsident Dick Cheney beide nicht mehr auf dem Bildschirm sehen müssen. Wahlanalysen sprachen von der „Obama-Koalition“: Afroamerikaner, Latinos, andere Minderheiten, Frauen, junge Menschen, Bewohner größerer Städte – das bunte Amerika eben. Es schien ausgesprochen gut auszusehen für die Zukunft der Demokraten. Demografische Veränderungen würden das Ihre tun und die weiße Mehrheit relativieren. Ein kultureller Wandel war offenbar in Sicht. Der elegante und kluge Obama höre auf seinem iPod (das seinerzeit gebräuchliche digitale Musikabspielgerät) Miles Davis, John Coltrane, Bob Dylan, Jay Z, Stevie Wonder und Sheryl Crow, berichtete das Magazin Rolling Stone. Rückblickend und in dem Bewusstsein, dass acht Jahre später Donald Trump Rassenhetze, Diskriminierung und die rechten weißen Männer ins Weiße Haus bringe würde, ließen sich schon 2008 Anzeichen dafür erkennen, dass eine rechte Welle das Land erfassen könnte. Es gab Hinweise darauf, dass die Republikanische Partei nicht mehr die des Vietnamveteranen John McCain sein würde, der sich an die Regeln hielt, sondern die Partei eines Präsidenten, der zum Autokratischen neigt und zu dem, was man im Zeitalter von Trump „Populismus“ nennt. Schließlich fand im Wahlkampf der Republikaner vor einem Jahrzehnt Sarah Palin enthusiastischen Zulauf, die McCain offenbar an Bord gebracht hatte, um der rechten Basis einen Gefallen zu tun. Palin war eine Frau aus dem Volke, bekannt als Abtreibungsgegnerin, bibelgläubig christlich, dazu Mutter von fünf Kindern namens Bristol, Track, Trig, Willow und Piper. Der Ehemann Todd arbeitete in der Ölindustrie und war Fischer im wilden Alaska. Schon bald nach Obamas Amtsantritt war die Grizzly-Mama mit Lippenstift der Star bei der neuen Tea-Party-Bewegung, die Obama das Leben schwer machen würde. Sie repräsentiere das echte Amerika, sagte Palin und attackierte die liberale Medienelite. Und dann war da 2008 auch noch ein anderes Thema durchaus präsent: Demokraten hatten seit Jahrzehnten keine Mehrheiten mehr bei weißen Wählern. Obama konnte laut einer Erhebung des Instituts Roper Center 43 Prozent dieser Klientel von sich überzeugen. Er war damit sogar ein kleines bisschen besser als John Kerry vier Jahre und Al Gore acht Jahre zuvor. 46 Prozent der weißen Frauen und 41 Prozent der weißen Männer wählten Obama. Wie der in Alabama ansässige Bürgerrechtsverband Equal Justice Initiative bei der Datenanalyse anmerkte: In den meisten Staaten habe Obama „mindestens ein Drittel der weißen Stimmen bekommen“, im tiefen Süden allerdings nicht. In Alabama hätten zehn Prozent der Weißen, in Mississippi elf Prozent und in Louisiana vierzehn Prozent für ihn gestimmt. Aus FBI-Statistiken ging nach Angaben des Senders CNN hervor, dass es in der Wahlwoche einen 49-prozentigen Anstieg der „Background-Checks“ für den legalen Kauf einer Schusswaffe auf 374.000 Erwerber gegeben habe. Und Leute in schwach besiedelten Landstrichen stimmten mehrheitlich für McCain. Es jubelte nicht die ganze Nation. „Yes, we can“ war der Slogan der Obama-Fans. Ein Jahr später sollte der Präsident den Friedensnobelpreis erhalten für seine „außerordentlichen Bemühungen“, die internationale Diplomatie und Kooperation zu stärken. Angesichts der hohen Erwartungen waren Enttäuschungen vorprogrammiert. Wirtschaftspolitisch schien sich der neue Präsident ebenso stark auf die Wall Street zu verlassen wie Wirtschaftsberater Larry Summers und Finanzminister Timothy Geithner. Hillary Clinton, die Obama zur Außenministerin ernannte, und Verteidigungsminister Robert Gates versprachen Kompetenz und einen neuen Ton, jedoch keinen grundsätzlichen Neuanfang. Gates war zeitweilig auch unter George W. Bush Verteidigungsminister gewesen. Und dann waren da die Kriege, die Obama geerbt hatte – im Irak, in Afghanistan und den Endloskrieg gegen den Terrorismus. Die von Friedensbewegten erhoffte Aufarbeitung der Schreckensberichte über CIA-Folter sollte nicht stattfinden. Obama hat zwar die Folter verboten, doch sagte er in einem Fernsehinterview wenige Tage vor seinem Amtsantritt im Januar 2009, er wolle „vorwärts blicken und nicht zurück“. Als Präsident müsse er Sorge tragen, dass in der CIA die „außerordentlich talentierten Leute, die hart arbeiten, um Amerika zu sichern“ nicht „plötzlich das Gefühl haben, dass sie die ganze Zeit über ihre Schulter schauen müssen“. In der Wahlnacht wollten viele US-Amerikaner erst einmal glauben. Die Chicago Tribune sammelte Eindrücke über Menschen im Grant Park. Eine Frau namens Marcie Rogers habe haltlos geweint und gerufen: „Thank you, Lord!“ Sie sei zu Zeiten der Rassentrennung aufgewachsen und hätte nie geglaubt, je einen schwarzen Präsidenten zu erleben. Sein Vater sei vor den Nazis aus Europa geflohen, sagte ein Mann in der Menge. Amerika sei schon immer Refugium gewesen und stark „wegen unserer Verschiedenheit“. Dieser Wahlabend zeige: Dies stimme noch immer. Es gehe nicht um Obamas Hautfarbe, sondern um sein Herz, sagte eine Frau und fuhr fort: „Er hat mir mein Land zurückgegeben.“Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.

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