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Zwischen USA und Russland: Idlib bringt die Türkei in Zeitnot

von Dr. Kamran Gasanov
Wolken türmen sich über Idlib. Die Operation, die die Provinz von Opposition und Terroristen säubern soll und mit deren Beginn jeden Tag gerechnet wurde, läuft tatsächlich. Die russische und die syrische Luftwaffe bombardieren Terroristen im Süden von Idlib und in Nord-Hama. Allerdings ist auch klar, dass es ohne Bodenoperationen unmöglich ist, Haiʾat Tahrir asch-Scham (HTS, ehemals al-Nusra-Front) und den IS aus der Region zu vertreiben.

Was sind die Ziele der Luftangriffe? Erstens sind sie eine Reaktion auf bzw. Vergeltung für terroristische Anschläge mit Drohnen auf die syrische Armee und die russische Militärbasis in Latakia. Das russische Außenministerium rechtfertigte die Bombardierung Idlibs damit, dass die Militanten in die Offensive gehen könnten.

Terroristen bereiten eine Offensive gegen Aleppo und Hama vor“, sagte die Sprecherin des russischen Außenministeriums Maria Sacharowa im letzten Briefing.

Terrorgruppe HTS zieht sich hinter zwölf türkische Beobachtungsstellen zurück
Zweitens dienen sie der Luftaufklärung und der Vorbereitung der Bodenoffensive. Und drittens kann man die Angriffe auch als eine gewollte Eskalation betrachten, die darauf abzielt, die Terroristen, die Opposition und die Türkei unter Druck zu setzen. Auf dem letzten Gipfel in Teheran, an dem Russland, der Iran und die Türkei teilnahmen, konnte keine Einigung über einen Waffenstillstand erzielt werden. Wladimir Putin machte deutlich, dass es sinnlos sei, mit Terroristen zu verhandeln. Das heißt, Recep Tayyip Erdoğan erhielt keine Garantien, dass es keine Offensive gegen Idlib geben würde.
Die Türkei geriet in „Zeitnot“. Sie hat jetzt fast keine Zeit mehr, die Terroristen davon zu überzeugen, sich der bewaffneten Opposition anzuschließen. Die Situation wird durch die Tatsache kompliziert, dass die mächtigste Kraft in der Region – HTS – sich nicht nur unter Zivilisten verstecken und diese als „menschliche Schutzschilde“ benutzen kann, sondern auch dadurch, dass die Terrorgruppe sich hinter die zwölf türkischen Beobachtungsstellen zurückzieht – nahe der türkischen Grenze. Das heißt, um HTS zu erreichen, müssten Assad, Russland, die schiitischen und pro-iranischen Milizen einerseits „über die Köpfe“ des türkischen Militärs springen und sich andererseits der türkischen Grenze nähern. Beides wäre für Russland und die Türkei äußerst unangenehm.
Man muss sagen, dass die Türkei den Drohungen und dem Druck Russlands, des Iran und Assads in nichts nachsteht. Dutzende Kriegsgeräte, darunter auch Panzer, wurden an die syrische Grenze verlegt. Die Zahl der Truppen an den zwölf Kontrollpunkten in Idlib steigt weiter. Ankara erhöht nicht nur seine Präsenz, sondern lässt auch im benachbarten Tall Rifaat die Muskeln spielen, wo ebenfalls die russische Militärpolizei stationiert ist. Am 13. September bombardierte die türkische Luftwaffe Positionen der kurdischen YPG. Vor ein paar Tagen zitierte die Agentur Reuters einen hohen Beamten in Ankara, der erklärte, dass Assads Angriff auf Idlib als Angriff auf die Türkei betrachtet werden würde.

Trotz der US-Sanktionen ist Erdoğan gezwungen, die Vereinigten Staaten um Unterstützung zu bitten
Es ist bemerkenswert, dass Erdoğan, der wegen der Eroberung von Ost-Ghuta und Daraa durch die syrische Regierung nicht besonders wütend war, dennoch Idlib als eigentliches geopolitisches Kerngebiet der Türkei hervorhob. Ankara sitzt als Mitglied sowohl der NATO als auch des „Astana-Dreiecks“ zwischen den Stühlen. Trotz der US-Sanktionen ist Erdoğan gezwungen, die Vereinigten Staaten, Frankreich, Großbritannien und sogar Deutschland um Unterstützung zu bitten. Drei der Staaten sind offiziell, Berlin informell bereit, Raketenschläge gegen Assad durchzuführen, falls er Idlib zurückerobert. Ein chemischer Angriff wäre nur ein vorgeschobener Anlass für solch einen NATO-Aggressionsakt.
Da die Interessen Russlands und des Iran einerseits und der Türkei und der NATO andererseits diametral entgegengesetzt sind, schließt niemand die Möglichkeit einer humanitären Katastrophe aus. Nach Schätzungen der UNO könnten mindestens 700.000 Menschen Flüchtlinge werden und in die Türkei und weiter nach Europa drängen. In Teheran sprachen Putin und Rohani auch über die Notwendigkeit, die Zivilbevölkerung in Teheran zu schützen.
Ankara und Moskau könnten in letzter Minute eine taktische Lösung finden
Trotz des Muskelspiels könnten Ankara und Moskau in letzter Minute doch eine taktische Lösung finden. Die Offensive würde sich ausschließlich auf die Positionen von HTS und die des IS beschränken, die der türkische Geheimdienst noch aufklären solle. Obwohl diese Aufgabe in der gegenwärtigen Situation sehr schwer realisierbar zu sein scheint. Denn auch wenn dieser Deal erreicht werden sollte, könnte nur von einem vorübergehenden Abkommen die Rede sein. Nachdem Assad die Terroristen vernichtet hat, wird er früher oder später den Rest von Idlib beanspruchen.
Als alternative Option kann man sich auch ein türkisch-amerikanisches Zusammenspiel vorstellen. Dafür würden Ankara und Washington für eine Weile ihre Widersprüche vergessen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen – die Aufrechterhaltung eines Anti-Assad-Zentrums im dicht besiedelten Teil Syriens. Obwohl Erdoğan die USA in Syrien als destabilisierend in jeder Hinsicht entlarvte, benötigt er in dieser Phase des Konflikts dringend den Druck des Pentagon auf Assad und seine Verbündeten, um sie davon abzuhalten, in Idlib einzumarschieren.
Die Schlacht um Idlib wird wahrscheinlich die größte in der Geschichte Syriens sein
Wie diese Macht- und diplomatischen Spiele enden werden, hängt von den Verhandlungen ab, von denen der Großteil hinter den Kulissen geführt wird. Nur eines ist klar: Die Schlacht um Idlib wird wahrscheinlich die größte in der Geschichte Syriens sein und sowohl das Astana-Format als auch den Einfluss der Türkei in Syrien aufs Spiel setzen. Die USA verlieren im Großen und Ganzen nichts. Sie haben die Kurden, den östlichen Euphrat und das Öl.
Mehr zum Thema – Sergei Lawrow in Berlin: Klartext zu Syrien und Ukraine-Konflikt

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